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Briefe an Lessing. 177Z.
Ramler ist unpäßlich, und hütet die Stube, Unterdeß hat erdoch jetzt eine gute Gcistesnahrung. ES ist eine Rarität über alleRaritäten: Cacault, ein Professor der Lcole r> '^ilsiie in Paris , rei-set seit etlichen Jahren herum, um andere Men ^icn, als Franzosen,kennen zu lernen, und legt sich gar auf die deutsche Litteratur. AnRamlers Oden hat er so viel Geschmack gefunden, daß er sie übersetzthat, und die Uebcrsetzung itzt unter RamlerZ Aufsicht verbessert undausfeilt. In Paris sollen sie gedruckt, und unserm Könige dedi-cirt werden. —
So viel hatte ich seit fünf Tagen schon geschrieben, als mich aufeinmal eine Art von Krankheit anwandelte, die sich nicht eher alsgestern verlor. Unterdessen aber erhielt ich auch Deinen ersten Beytragzur Geschichte und Litteratur, Du kannst Dir vorstellen, daß meineNeugierde ziemlich groß war, obgleich meine Gesundheit nicht wiesonst; ich las also gleich, aber nicht so aufmerksam, als man muß,wenn man eine Sache studiert. Ich könnte auch davon plaudern, ohneeben ein Bibliothekar zu seyn, denn der kann, nach Deinem Geständ-nis), von allem urtheilen, was er nicht versteht. Wäre cS Dein Ernst,oder nur wahr — ich wäre der Mann, der Dir und allen Bibliothe-karen den Rang streitig machte. Pcrnetti müßte gleich wieder seineKutte anlegen, oder lebendig gen Himmel fahren, (denn in der Höllekann ihn der Teufel nicht brauchen), um einem so würdigen Nach-folger, als mir, Platz zu machen.
Deine Meynung von den ewigen Höllcnstrafen ist Philosophie,ist Ketzerey bey den Orthodoxen und Hcterodoxen, bey den Verfeme»rcrn und den Vergröbercrn des Christenthums; und ic scharfsichtiger,desto verdammlichcr! Wir sind in Sünden empfangen und gebore»;an uns ist auch nicht ein Haar gut; wir können ohne den gekreuzigtenChristus nichts als sündigen. Wie schickt sich zu solchen Begriffeneine vernünftige Meynung von der Höllcnstrafc? Die Unächthcit derSteine entdeckt sich am leichtesten neben einem ächten. Der Apologistdes Sokrates versteht -S besser: er jätet zwar in dem verwildertenGarten; aber er hütet sich wohl, nur die Distel mit auszurotten, weilsie gewissen andern Geschöpfen noch brauchbar scvn kann. Nothwen-dige Folge von jeder Handlung des Menschen für die positive Höllen-strafe — ein schöner Gedanke! auch ein wahrer Gedanke! Aber wersoll Dir für diese christliche oder sinnreiche Volte danken? Die Ver-nunft oder das Christenthum? Bey wem macht Eberhard Aufsehen?Bey den Christen von so genannter guter Erziehung, welchen das Un-begreiflichste von Kindheit auf mit aller möglichen Feyerlichkcit ein-