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Briefe an Lessiiij,. 1773-
sich bey dem Vegctiren wohl. Wie manchen viel schreibenden Chri-sten wünschte ich in seine Lage! vornehmlich die mit KennikotS Va-riantenlese so beschäftigt sind. So lange dieses närrische Unterneh-men dauert, hat doch noch kein Mensch laut gesagt, daß cS unnütz ist.Und ich dachte, das wäre das Glimpflichste und Beste, was man da-von sagen könnte.
Nicolai wird auf Ostern einen Roman herausgeben; und seineFreunde befürchten, er werde sich um alle Mitarbeiter an seiner Bi-bliothek im theologischen Fache schwatzen, auch um die allerunor-thodoxesten.
Wie steht es denn mit Wien ? Findet man da auch für ein deut-sches Lustspiel hundert Louisd'or zu viel?
Koch spielt seit vier Wochen in Potsdam : mit vielem Zulaufe,kannst Du Dir vorstellen; sonst würde er nicht so lange da aushal-ten. Hier wird stark davon gesprochen, daß der Markgraf Heinrich inSchwcdt eine deutsche Truppe, aber nur zu Operetten, annehme undschon Löwen bey Koch dazu engagirt habe. Zur Aufnahme des Thea-ters selbst kann das wohl nicht so viel beytragen.
Lebe recht wohl, liebster Bruder; und wenn es möglich ist, solaß mich bald von Dir Nachricht haben.
Karl.
Von Madame König.
Mein liebster, bester Freund!
Wie sehr mich Ihr Brief vom Zten, den ich vor einer halbenStunde erhalten, frappieret haben müsse, können Sie sich vorstellen,da ich Sie mir, Ihrem vorhergegangenen Briefe zufolge, in der größ-ten Zufriedenheit dachte, und nun zu meinem höchsten Verdruß geradedas Gegentheil hörte. Ich hoffe aber doch, die Sache werde einenbessern AuSgang nehmen, als Sie sich vorstellen. Denn ich kann mirnicht einbilden, daß der E- P, fähig sey, einen Mann, wie Sie, sozu behandeln. Und ich hoffe Ihre Hitze werde verrauchen, und Siewerden, auch in dem schlimstcn Falle, Wolfcnbüttel oder vielmehrdie Stelle, die Sie daselbst begleiten, nicht eher verlassen, bis Sie ei-ner andern versichert sind- Wenigstens muß ich mir zu meiner Beru-higung schmeicheln, Sie durch meine Bitten dahin vermögen zu kön-nen. Und nicht wahr, das darf ich?
Seit mehr als acht Wochen lebe ich in einer eben solchen Unge-wißheit, wie Sie. Ich habe Käufer zu meiner Seidenfabrik, die mich