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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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452
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Briefe an Lessing . 1773.

Berlin , den 17. April 1773.

Liebster Bruder,

Das war wieder ein Brief, der meine Freude darauf in Leidverkehrte! Wie kann ich in dieser besten Welt fröhlich seyn, wenn ichDeinethalben froh zu seyn keine Ursache habe! ES geht Dir ja schlech-ter, als mir. So närrisch der Weltlauf ist, so kann es doch nicht mitDir so schlimm werden, daß Dich Dein Vorsah reuen könnte, Wol-fcnbüttel zu verlassen, wenn man Dich nicht bald in glücklichere Um-stände bringt, die Dir zu Deinem größeren Verdruß nur vorgespie-gelt worden.

Schrieb ich Dir je, daß Deine jetzigen Arbeiten mir mühsamerschienen, als andere, zu denen Du Hoffnung gemacht; so schrieb esbloß mein Eigendünkel. Ich bin von einem mehr Liebhaber als vomandern; aber doch nicht ein so schalköpffger, daß ich das Andere gleich-sam weiter heruntersetzen wollte, als es in der Reihe der Dinge ste-hen mag. Hr. Voß, der freylich gern von Dir zur jetzigen Oster-messe ein Vcrlagsbuch gehabt hätte, brachte mich wirklich nicht aufmeine Grille; denn er ist von Dir überzeugt, daß D», je länger Duihn warten läßt, ein desto schätzbareres Werk, auch in Ansehung set-ner, geben wirst. Ist er aber gegen mich zurückhaltend und denkt vonDir anders, (welches ich doch nicht glaube) so habe ich ihn nichtrechtfertigen wollen.

Allein Eins muß ich Dich fragen: warum ziehst Du aus DeinenSchriften nicht mehr Vortheil? Ich ließe sie auflegen, so oft derBuchhändler Lust hätte; und wären sie mir gleich nicht so, wie ichsie haben wollte, so könnten sie doch der Welt nützlich seyn. Manmerkt nur zu sehr, daß die paar guten Schriftsteller in Deutschland sich von ihrem kleinen lesenden Publicum zu weit entfernen. Vielleichtist nur die Höhe, auf welcher sie stehen, die Ursache dcS KaltssnnS ge-gen sie. Volles Tageslicht in einem nicht recht aufgeräumten Zim-mer macht unangenehmere Empfindungen, als Schimmerlicht.

Eberhard wird Dir gewiß antworten, wie cr mir gesagt; aber, wieich zuverlässig weiß, mit der Achtung, womit er Deine Schriften liest.Kennst Du ihn? Er ist keiner von den Unorthodvxen, die ihren neuenBettel für den alte» verkaufen, und übrigens wie ihre Vorfahren tv-rannisiren möchten. Selbst in Berlin wird cr kein großes Glück ma-chen; und die Tücken derjenigen, auf deren Bahn cr nun fortgeht,empfindet cr am meistcn. Was braucht eS endlich für großen Scharf-sinn, zu sagen, daß eine fast zwevtaiiscndiährlge Ungereimtheit eine Un-