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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessmg. 1773.

verglich ich ihn nicht; aber mich dünkt doch, als wenn die Sprachegereinigter wäre. Wicland schien mir in Beybehaltung fremder Wör-ter etwas zu weit zu gehen. Doch Eins ist nicht nach meinem Sinneim Agathon, nehmlich das Ende. Danae und Agathon sind nun sogut und fchlerfrey geworden, als sie nach ihrer empfangenen Organisa-tion und Geistigkcit werden konnten. Zum Beweise dessen heirathetsie ihren geliebten Agathon nicht, und beyde unterlassen die größtePflicht, die der Weltbürger haben kann, (denn man sieht keine Gründe,sie davon loszusprechen) aus dem wunderlichen Wahne, sie möchtenin den Augen der Welt für Wollüstlinge angesehen werden, oder weilDanae für ihre Temperaments-Ausschweifungen, die ihren Charakterdoch nicht abscheulich machen, nach hergebrachter löblicher Gewohnheitder Romanschreibec eine Züchtigung verdient. Da Gott anders straftals die Justiz, so sollten die Poeten auch mehr Gott gleichen, alsder heiligen Justiz. Was konnte Danae für ihre Galanterie, und Aga-thon für seine geistige wollüstige Schwärmcrey Besseres thun, als hei-rathen, und sich bestreben, ihre Kinder die Wege zur Glückseligkeitoder Tugend aus ihrer Erfahrung besser zu führen? Aber bloße Freundebleiben, und zwar dabey in einem so nahen Umgange wenn dasmit Wielands in seinen neuesten Schriften gezeigter Erfahrung stimmt,so stimmt alles. Ich möchte wissen, was für Ursachen er zu diesemSchlüsse seines Romans gehabt hätte; denn daß er vermuthlich trifti-gere für sich hat, als ich vielleicht wider ihn vorbringe, glaube ichgar gern.

Sein Merkur hat meine Erwartung nicht erfüllt, selbst die Auf-sätze nicht, die von ihm sind. Sein Raisonnemcnt über seine Alccsteist ein großes Beschcidenesscn Eigenliebe, das man aber einem Wiclandnicht so hoch als einem Andern aufmutzen darf. Wenn er sich nurnicht auf Kosten des Euripides erheben wollte! Er tadelt den Griechenunter andern, daß er die Liebe der Alceste eigennützig seyn lasse, indemsie ihren Gemahl bittet, nicht wieder zu heirathen, und gratulirt sich,sie großmüthiger gemacht zu haben. Ich kondolire ihm in allertiefstemRespekt; denn Alceste liebt nun ihren Admet weniger, und ist mehreine theatralische Närrin, als ein zärtliches Weib. Wenn meine künf-tige Frau einmal für mich sterben will, diese Bitte soll ihre edle That,den großen Zug, den EuripideS dadurch angebracht, nehmlich die großeLiebe der Alceste , nicht verkleinern, ob ich gleich nicht denke es zuzu-geben. Doch wenn man gar Halbgötter zu Freunden hat, Gott weiß,wie schuftig man wird! Vielleicht ist cS auch nur ein Ueberbleibsclvon WielandS Theologie; und die war ja wohl die allerorthodoxeste?