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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe a» Lcssuig. 1773.

Her Zeit sehr traurig, indem ich Ihr Mißvergnügen daraus wahr-nahm. Aber, liebster Freund! könnten Sie sich denn nicht vergnüg«tere Tage machen? Mich däucht, eS steht bloß bey Ihnen. Warumentfernen Sie sich so ganz von Ihren Freunden? Haben oder wollenSie deren keine in Wolfenvüttel haben, so ist Ihnen ja Braunschwcigso nahe, wo Sie sich wenigstens bey einigen manche angenehme Stundemachen könnten. Ich hoffe der V. K . -. wird Sie wieder ins Gleisbringen. Nach dessen Abreise erwarte ich einen Brief voller Neuig-keiten; denn wenn sie auch ziemlich alt wären, würden sie doch fürmich neu seyn, weil ich von Hamburg fast gar nichts sehe und hbrc,als was meine Geschäfte betrift. Doch gestern hatte ich einen Besuchvon des Lieutenant M Sohn, der mir ein und anders erzählte,hauptsächlich aber eine Nachricht brachte, die mich sehr rührte. Nehmlichdiese: daß unser guter Z.... verrückt sey, und nun in Schcffbccklebe. Er dauert mich. Ob er zwar vielleicht jetzt glücklicher lebt, alser viele Jahre lang nicht gelebt hat, so ist es doch betrübt, daß einso braver Mann ein solches Ende nehmen muß. Bey unserer lang-samen Korrespondenz vcraltcrn die Geschichten und werden vergessen,sonst hätte ich längst einer gegen Sie erwehnt, weil Sie den Mannkennen, den sie betrift. Nun muß ich sie aber gleichwohl nachholen,weil ich seit drey Tagen entdecket, daß ich einen Theil dieser Geschichtemit ausmache. Schon im vorigen Winter, wahrend daß ich krank war,kam ein Bekannter zu mir, und fragte mich, ob ich einen NamensWagener in Hamburg kenne? Mir fiel der Schurke, der sich mitB einmal ligiercn wollte, gar nicht ein, bis er mir sagte, er habeeine Tapetenfabrik hier errichten wollen; nun kannte ich ihn. Ichmußte aber vorher beynahe einen Eid ablegen, daß er mir ganz gleich-gültig sey, ehe mein Freund mir folgendes erzählte. Ein gewisserKommerziensekretaic Herr von T - -. der dem W in seinem Ge-suche dermalen gedienet, habe gestern einen Brief von ihm erhalten,

voller Schmähungen über B und T----die ihn als Spitzbuben

hintergangen hätten, wofür er bey dem Hamburger Magistrat Gerech-tigkeit gesucht, die ihm aber auch versagt worden wäre. Er sey da-durch in solche elende Umstände versetzet, daß er nicht einmal diesenBrief, noch viel weniger ein Paquet Schriften, so er ihm zugleichsandte, frankiren könne. So wie dieser Brief versiegelt sey, wolle erseinem kummervollen Leben ein Ende machen. Die Pistolen lägen be-reits geladen auf dem Tische. Er bäte sich von ihm diese letzte Gefäl-ligkeit aus, die Schriften, so er ihm sende (die lauter Kalumnienüber den Rath und viele Kaufleute enthalten sollen) drucken zu lassen,