486
Berlin , den 21. Oktober 1773.
Liebster Bruder,
Hundcrterley Beschäftigungen oder Zerstreuungen haben mich eineZeitlang so hingerissen, daß ich seit vier Wochen alle Morgen Dirschreiben wollte und nicht schrieb.
Und worin bestehen diese Zerstreuungen? fragst Du vermuthlich.In den unschuldigsten Dingen von der Welt. Ich schlendere aus derDeutsche» Komödie in die Französische, nasche, so zu sagen, aus ei-nem neuen Buche nach dem andern, und stärke, leider GottcS! meineSeele eben so sehr, wie ein Näscher seinen Körper. Wenn das imeigentlichen Verstände Müßiggang heißt, so ist eS doch ein angeneh-mer Müßiggang, und behagt dem Körper wie der Seele. Zu wastaugt Gründlichkeit? Um glücklich zu leben, muß man ein schwacherKopf seyn, und welcher Weise hat je geläugnet, daß die Glückselig-keit nicht unser einziger Endzweck sey?
Hast Du das Schauspiel Götz von Berlichingcn gelesen? Ver-muthlich. Ich beneide den Verfasser, dessen Nahme mir entfallen ist.Zeigen, daß man eben so viel Fehler, wo nicht mehrere, und fast ebenso viel Vortrefflichkeiten als Shakcspear, in ein Schauspiel zusammcn-häufen kann, will etwas sagen! Er hat die Sitten dieser Zeit müh-sam aus Büchern klauben müssen; Shakespear stellt nur die Sittenseiner Zeitgenossen dar. In der Braunschweigischcn Zeitung las ichbei der Anzeige dieses Götz ein kritisches Verbot, ihn nicht aufzufüh-ren; und doch wird Koch es thun: ich läugne nicht, auf mein Zure-den, das viele Andere unterstützt und am meisten gewisse Umständegültig gemacht haben. Hier will es nickt mehr mit den Wiener Stückenfort, und Koch steht dazu im allgemeinen Rufe, daß er der erbärm-lichste Kenner von theatralischen Sachen sey. Seine Freunde undRathgeber müssen zwar von dieser Beschuldigung auch einen großenTheil mit tragen; allein ich weiß am besten, daß er zu alt und imGeschmack zu wett zurück ist, um die kleinen und großen Einsichtenseiner Freunde wie ein Director zu nutzen. Er schimpft auf alle thea-tralische Kritik, und giebt ihr den Verfall seiner Schaubühne Schuld.Da Alle, die den Götz gelesen, ihn ganz vortrefflich finden, auch da-her schon voraussetzen, Koch werde ihn nicht aufführen: so muß erwohl das Gegentheil thun, so ungern er auch in seinem Herzen darangeht. Die Wiener sind ihm die Einzigen, die gute Komödien schrei-ben und in ihren Stücken Handlung haben. Er hat aus Prag vierneue Personen bekommen - zwey Frauenzimmer und zwev MannSpcrso-