Briefe an Lesimg. 1773-
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nen. Figur und Schönheit kann man allen vieren nicht absprechen.Die eine, Madame Henisch, hat sogar eine schöne Stimme, und singtnicht schlecht: sie erseht also in vielem Betracht Dame Hüblerin, ge-wesene Steinbrecherin/ welche nach Riga gegangen, wo ein gewisserHerr von Vittinghof ein Theater halt. Die andere, Madame Speng-ler, hat eine vortreffliche Aussprache, zwar etwas Ocstreichisch, dochziemlich unmerklich. Sie kann sich ihren Dialekt nach und nach ganzabgewöhnen. Daß Beyde übrigens große Schauspielerinnen wären,kann ich nicht sagen, denn sie haben bis jetzt wenig gespielt, und dieeine ist noch dazu hoch schwanger. Aber was für Hoffnungen kannunS nicht ein schönes weibliches Gesicht einflößen?
DaS hiesige Französische Theater, im eigentlichen Verstände, daSgroße B** von Berlin , ist eben so erbärmlich, als daS Deutsche.Madame Fleury und eine Mademoiselle Jolly, wären zwar keine übleActricen; allein da sie deklarirte Maitresscn von Stande sind, so kom-men sie nur wenig auf daS Theater, und die Zuschauer mögen sichmit abscheulichen Fratzengesichtcrn behelfen, welche wahrhaftig nichtdurch ihr Spiel schadlos halten. Von Mannspersonen verdient dereinzige le Böuf, und einer, der die Bedienten macht, genannt zu wer-den. Ich kannte den ersten, auS einer Beschreibung des französischenTheaters in Braunschweig , von einer sehr vortheilhaftcn Seite; aberjetzt weiß ich aus eigener Erfahrung nichts von ihm zu rühmen, alsdaß er gut mcmorirt. UcbrigenS kann er weder stehen, noch gehen,und bringt alle Augenblicke die Hand von der Nase zur Hosentasche.
Unter den Sängern und Sängerinnen bei dem Französischen Thea-ter sind einige nicht zu verachten, vornehmlich ein Paar Mannsperso-nen, welche die Alten gut spielen, und eine Mademoiselle, die vielRcitz in ihren Gesten hat.
> MoscS fragt Dich, waS Du eigentlich von den vvuvies >>ustllu-nies dcS HelvetiuS hältst? Ich habe ihm den ersten Theil zu lesengeben müssen, und er hat sich so wenig daraus erbauet, als ich. Hel-vetiuS verwirrt Information und Jnstruction mit der Kenntniß, dieunS Zufall und andere Umstände verschaffen. Er glaubt, daß uns dasUngefähr oder Gott mit I^prit ausrüste, der bey allen Menschengleich sey, und nur durch die Erziehung groß oder klein werde. Gleich-wohl gesteht er bald darauf, daß mancher Gegenstand ein Kind mehrassicirc, als daS andere. Er sagt auch viel von den WidersprüchendcS Rousseau, und bedenkt nicht, daß ein Redner und ein strengerPhilosoph zweverley sind- Doch er könnte alle diese Fehler haben, undnoch vortrefflich seyn; aber worin? Daß er anf die Geistlichkeit