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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessnig. 1773,

schimpft und den Jesuiten alles Vöse »achsagt: ist das so ein großesVerdienst?

Noch von einem andern Französischen Philosophen, Herrn Dide-rot! Er ist durch Leipzig nach Petersburg gegangen/ und hat sich daeinen Tag aufgehalten. Rathe, was er da gethan hat! Ocffcntlich vordem Thore, im Kreise einer Menge Professoren und Kaufleute, denAtheismus gepredigt. Ein junger Russe, den er bey sich gehabt, undder alle seine Grundsätze eingcsogen, hat cS einer ihn umgebendenMenge von Studenten nachdocirt. Unter andern ist ein gewisser dor-tiger Französischer Prediger, welcher einen Sohn in der Orthodoxieder Religion erzogen, aber ihm doch von der Diderotschcn Weisheiteine große Idee gemacht, und ihn daher zu Diderot zu führen nichtermangeln wollen, durch dessen ungeziemende atheistische Sprache ingroße Verlegenheit gesetzt worden. Diderot soll der größte Sophistseyn, den man sich denken kann. Ich gestehe Dir, diese Nachricht,die ich von MoscS habe, der diese Messe in Leipzig gewesen, hat mirDiderotcn ein wenig verkleinert, ich habe mir ihn immer als einenwahren Philosophen gedacht. Nun kann man wohl ein Atheist undein guter Philosoph seyn; aber albern bleibt eS immer, in einer Stadt,die man gar nicht kennt, sein ganzes Herz auszuschütten. Oder ver-trägt sich Albernheit mit Philosophie? Rußland mag ihn behalten, die-sen großen Philosophen!

Nun hatte ich wohl den besten Weg, auf den zweyten Theil Dei-ner Wolscnbüttclschen Schätze zu kommen. DaS meiste darin ist mirso neu, daß ich mehr als unverschämt seyn müßte, wenn ich darübermit urtheilen wollte. Aber gelesen habe ich alles. Argwöhne nur janicht, daß ich eS für unwichtig halte. Deine Behauptung, daß Vielegewisse Sachen für Mikrologie halten, weil sie sie nicht verstehen, isteinleuchtend und wahr. WaS Du aber von Leibnitzcn anführst, willmir schlechterdings nicht in den Kopf. Hat er die christliche Religiongeglaubt, wie man sie glauben soll, indem man seine Vernunft gefan-gen nimmt; so heißt das so viel: er hat dabey nicht gedacht. Und werbey einer Sache gar nichts denken will, schätzt sie noch geringer, alswer bey einer Sache falsch oder seicht denkt.

Ich umarme Dich tausendmal. .

Dein

Karl.