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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1774.

kann ich mich nicht erwehren, wunderliches Zeug zu denken. Dem seynun aber wie ihm wolle, so weiß ich doch, und bin es fest überzeugt,daß Sie Theil an meinem Schicksale nehmen, und sich also freuenwerden, wenn Sie hören, daß ich endlich der grdßtcn Bürde, der Sei-denfabrik, los bin, und zwar zu bessern Bedingungen, als ich niemalsgeglaubt. Käme ich von der Spiegelfabrikc eben so, so könnte ich vonGlück sagen. Daran zweifle ich aber, zumal weil ich mich damit nichtlange aufhalten, sondern sie dem Ersten Besten losschlagen werde. Ichwürde vielleicht am Ende doch eben das verlieren, und noch oben dreinunnützes Geld verzehrt haben. Und mich plaget das Heimweh, so wiecS mich noch nie geplagt hat. Seit vier Wochen kam die Marter nochdazu, daß ich mir oft vorstellen mußte, weder Sie noch meine Kin-der jemalen wiederzusehen, weil ich solche Zufalle hatte, und leidernoch heute gehabt habe, die mich einen Schlagfluß vermuthen ließen.Diesen Abend befinde ich mich etwas leichter, und setze mich deswegenauch gleich nieder, an Sie zu schreiben, was ich schon vier Wochen langthun wollte, nehmlich, so lange ich der Fabrik los bin.

AlSdenn hätte ich Ihnen aber nur eine gute Zeitung mittheilenkönnen, da ich jetzt noch eine zweyte habe, diese ist: mein Oheim, demich zehn tausend Gulden nebst vierjährigen Interessen schuldig bin, hatdem Herrn Sch- ein Documcnt zugestellt, worinn er meinen Kinderndie ganze Schuld schenkt, doch gehört es nur den Kindern so lange,bis niemand mehr an mich zu fodcrn hat, alsdann aber bin ich dieEigentümerinn davon. Ist das nicht ein großmüthiges Betragen voneinem Manne, der Kinder hat! Herr Sch. hat ihn selbst auf seinerReise gesprochen, der schreibt mir: er habe sich ganz besonders gütigüber mich ausgedrückt, und eine väterliche Liebe gegen mich geäußert.Er zeigt es auch thätig, daß er mich liebet. Gott segne ihn dafür!Sehen Sie, mein Freund, wie viele Ursachen ich hätte, vergnügt zuseyn, und doch bin ich es wider meinen Willen nicht. Die heiternAugenblicke treffen sparsam bey mir ein. Ich stelle mir vor, der vieleVerdruß, den ich vier Monate lang gehabt, (denn mir drohte ein Pro-ceß, und ich weiß nicht was alles,) hat so viel Uebels sich bey mirsammlen lassen, daß ich lange zu thun haben werde, ehe ich wieder zu-richte komme. Der Reisewagen könnte wohl das Beste bewürken, wennder erst angespannt vor der Thüre stände. Ich brauche auch Chinaüber China, damit ich nur die KrSmvfe aus dem Kopfe bringe, daß diemich nicht aufhalten, wenn ich etwan fertig würde. Ich rechne, Siezu eben der Zeit wieder zu sehen, in welcher ich Sie vor drey Jahrenverlassen habe. Wie werde ich mich freuen, wenn ich Sie gesund und