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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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Briefe a» Lessing . 1776.

Hast Du Deine Minna im französischen Kleide gesehen? Ichmeyne nicht jene Ucbersetzung/ die der nunmehrige Actenr Großmannverfertigt; sondern die Rochonsche/ welche die Lomediens ordinairesZu lioi zu Paris aufgeführt haben. Soll ich Dir nicht zu einer sol-chen Ehre gratuliren? Freylich sieht diese Komödie dem Originalnunmehr eben so ähnlich, als der Deutsche und Französische Titel ein-ander gleichen. Rochon sagt zu Ende seiner Vorrede-II a com-vvse sa nieee vour les ^Ilemands, j'al kait ma (üomedie nourles ?rsnoois, et nous n'avons eu tort , ni I'un ni I'autre." WennDu nicht das Komische darin finden kannst/ so hast Du sie nicht gele-sen; und wenn Du mir nicht bald die versprochenen Bücher von demMasanielloschcn Tumulte schickst, so bin ich boshaft genug, les amansxenereux zu übersetzen, Dir sie zu dedtciren, und zu beweisen, daßDu ein Franzose seyn müßtest, um ein paar am-ms xeuereux zu ma-chen. In dieser Deiner Komödie hast Du auch eine sehr wichtige Re-gel übertreten. Höre nur Rochon selbst, ,,^'etoiineinis dien dsvan-tage nos ?ran<^ois, si je leur disois cme l'exnosition du sujet dela nieee allemande se fait au ^uatrieme ^ete, eux c^ui le vou-droient a la Premiere 8cene du Premier ^ote. Il suküt de saireun pas nors de son va^s nour reneontrer de nouveaux vrin-eines, des nouvvlles moeurs, et un gout absolument diilerent deeelui de sa nation." Wenn Du diese Deine französirte Komödie nichthast, so kann ich Dir damit aufwarten.

Der alte Koch ist todt, und wenn seine Wittwe das Werk nichtfortsetzt, so werden wir wohl die Scilcrsche Gesellschaft hierher bekom-men, die, durch die Meßleute aus Leipzig , bey den Berliner» lauter Be-wunderung und Entzücken erregt. So viel ist doch nun gewiß, daß inBerlin eine Deutsche Truppe sehr wohl bestehen kann, wenn sie einenvernünftigen Mann zum Haupte hat. Die beyden lehren Jahre warder gute Koch nur eine verwelkende Pflanze, und alle seine Leute sindMaschinen, die nothwendig einen denkenden Kopf haben müssen, wennsie des Hörens und Sehens würdig seyn sollen. Madame Koch istaber wahrhaftig nur ein schöner Kopf, und leider! gewesen. Doch nochimmer ein Kopf, der besser ist, als mancher junge schöne Mädchenkopf,sagt Meil; und der wird sich doch wohl auf die schönen Köpfe verste-hen? Wenn man der Kochin einen Mann mit einem denkenden Kopfeverschaffen könnte, man thäte ein Werk der Barmherzigkeit an ihr undauch an der Truppe. Denn ich befürchte, wenn sie den unglücklichenEinfall hat, das Theater für sich allein fortzusetzen, so wird sie inKurzem ihr Unglück nicht übersehen können. Karl.