Briefe an Lcssing. 1776.
geht mir durch Mark und Bein. Ihre grausamen Verwandten — dieStiefmutter ausgenommen/ thun ihr nicht das mindeste Gutes, sosehr Sch- noch letzte Messe in sie gesetzt hat. So viel haben sie sicherkläret: wenn sie ihren Mann ganz verlassen wollte, so würden siesich ihrer annehmen. Vermuthlich weil sie wissen, daß sie das nichtso leicht thut. In Parenthese muß ich Sie doch auch sragcn: ob dieNeuigkeit wahr ist, die ihr ihre Tochter dieser Tage aus Leipzig schrieb?Die allgemeine Sage dorten scv: Ein gewisser Mann, den Sie leichterrathen werden — hcyrathete die Wittib von P. R. — Nun geschwindauf etwas anders, und zwar noch ein Paar Worte von S. SeineFrau las mir, und das nach ihrer eilfertigen Weise, vor ungefehr sechsWochen, einen Brief von ihm vor, worin er unter andern auch klagte:daß Sie den Wechsel nicht bezahlt hätten, sonst er doch einig-6 Geldbekommen hätte. Da ich nun weiß, daß Sie den Wechsel, der aufIhre Schuld läuft, eingelöset haben, so denke ich, spricht er von demandern, den Sie auf sein Bitten angenommen haben. Wäre daS: somüßte man aus seinem Brief schlössen, daß er noch kein Geld fürden Wechsel erhalten. Sie könnten sich also ganz leicht auS dem Scha-den herausziehen, wenn der Inhaber ein ehrlicher Mann ist, und Siesich mit ihm erklärten.
Ich bin noch nicht ganz ins Reine: DaS heißt: Ich habe michnoch nicht mit meinen Geschwistern berechnet, weil Herr Sch. nachseiner Ankunft gar zu viele Geschäfte gefunden, die ihn gehindert, andie meinigen zu denken. — Binnen vierzehn Tagen aber hoffe ich, dasEnde zu sehen. Alsdcnn wollte ich Ihnen gerne genaue Nachricht vonallen geben, wenn ich erst sicher wäre, daß Sie die Briefe erhielten.So aufs ungewisse mag ich es nicht thun, ich denke immer, daß Siesich noch eine Zeitlang in Wien aufhalten werden. Ist daS: Soschicken Sie mir doch ungesäumt Ihre Addrcsse dahin, oder wohinich Ihnen sonsten schreiben sollte. — Gott ! wie werde ich mich freuen,wenn ich wieder einmal Ihre Ueberschrift an mich sehe! Daß Sie ausTurin an Ihren Bruder geschrieben, und seitdem nicht wieder —worüber er auch erbärmlich klagt — hat mir eben W. auö einem Briefevon ihm, vorgelesen. Sie böser Mann! zuletzt wird die ganze Weltüber Sie schimpfen, und ich werde nicht schimpfen aber weinen. Gewiß,wenn Sie wüßten, wie sehr Sie mich durch Ihr Stillschweigen quälen,Sie würden sich dem größten Vergnügen entziehen, um sich mit mir zuunterhalten, und mich zu beruhigen. DaS kann ja mit so wenig Wor-ten geschehen. Sagen Sie mir nur: Ich bin gesund, und Ihr Freund,so bin ich zufrieden. Ich hoffe, daß Sie daS gewiß bald thun werden;