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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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585
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Briefe an Lessing . 1777.

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seit dem vergangnen November beschäftige, und zur Strafe für meineJugendsünden noch länger als bis den künftigen November werde be-schäftigen müssen. ES ist wahr, daß ich mich/ um bey solchem Lum-pcngeschmicre meinem Geiste doch einige Nahrung zu geben, gelegent-lich in die alte Brandcnburgische Geschichte geworfen habe. Die Di-plomat« haben sich an dem, der sie zuweilen verlacht hat, gerächt, undihm, weil er sie zu fleißig gelesen, die Augen beynahe gänzlich verdor-ben. Sollten Sie sich wohl vorstellen, daß ich alles von Diplomen,gedruckt und ungedruckt, worin etwas vom alten Zustande von Berlin vorkommt, gelesen, cxcerpirt, und ein Oiplomatariuii! Lerolioelllevon 1200 an, nach chronologischer Ordnung zusammen getragen habe?Sie werden sagen, das wäre ein Zeichen von Herannahung meines se-ligen Endes. Ich glaube eS auch.

Was den Theophilus betrifft, so bin ich freylich Ihrer Mey-nung, daß Sie aus der innern Beschaffenheit seiner Lehren es mehrals wahrscheinlich gemacht haben, er habe vor Johann von Eyck ge-lebt. Indessen wissen Sie selbst, daß ein historischer Beweis, werder TheophiluS gewesen, und wenn er gelebet, desgleichen ein <Io6LxMei-ptuZ, auS dessen Beschaffenheit unwidersprcchltch bewiesen werdenkönnte, er sey vor den Zeiten Johanns von Eyck geschrieben, alleZweifel zu Boden schlagen würde.

Als ich an Sie wegen des Manheimischen Theaters schrieb,glaubte ich wirklich, die Sache sey Ernst. Nachher habe ich genuggehört, wie sich der Pfälzische Hof bey dieser Sache betragen hat.Zwar mochte ich mich fast freuen, daß ich alle Tage bestätigt finde,was imnier meine Meynung gewesen ist, nehmlich, das, was die Für-sten für die Litteratur thun solle», sey nicht werth, daß man dieHand darnach umwende. Auf der andern Seite, lasse ich mich wohl zuwei-len bereden, wenn ich so viel GutcS höre, auf einen Augenblick zu glau-ben, es sey wahr. Aber hinterher kocht bitterer Gram in mir, wennich sehe, daß Dummheit und abgeschmacktes Wesen in unserm liebenVaterlande noch in so reichem Maße vertheilt sind, und daß die deut-sche Litteratur bey den Großen ein Ding ist, das durch nichts alsdurch eine armselige Hofintrigue befördert oder verstoßen wird. Wennich je mein Schicksal segne, daß ich von keinem großen Herrn abHange,so ist es bey solchen Gelegenheiten; und dies hilft mir wahrhaftig alleSorgen und Arbeiten meiner Handlung, unter denen ich seit einigenJahren sonst erliegen müßte, ertragen.

Mein Almanach hat freylich eine sehr ernsthafte Absicht, nehmlicheinige der Thoren, die jetzt thun, als ob alle Weisheit und Gclehr-