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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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594
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Briefe .in Messing. 1777.

Sicherlich soll mich kein Geschäft davon abhalten; denn in der Thatist mir keines so dringend, als die Begierde Sie zu sehen, und michmit Ihnen zu unterhalten. Sie scheinen mir iht in einer ruhigen zu-friedenen Lage zu seyn, die mit meiner Dcnkungsart unendlich besserharmonirt, als jene geistreiche, aber auch etwas bittre Laune, die ich anIhnen vor einigen Jahren bemerkt zu habe» glaubte. Ich war nichtstark genug, da» Aufbrausen dieser Laune niederzuschlagen, aber ich ha-be es herzlich gewünscht, daß es Zeit und Umstände, und Ihre eigneVernunft thun möchten. Mich dünkt, und alles, was ich von Ihnenhöre und sehe, bestätiget mich in diesem angenehmen Dünken; michdünkt, mein Wunsch scv nunmehr erfüllt. Ich muß Sie in dieser bes-sern Lage IbrcS Gemüths nothwendig sprechen, wäre es auch nur, ummich zu belehren, was am meisten zu dieser Besänftigung beygetragen:die Frau oder die Frcymäurcrey? bessere Vernunft oder reifere Jahre?

Ihre Gespräche über die Frcvmaurercy habe ich mit sehr vielemVergnügen gelesen. Nicht, daß sie etwa meinen Vorwitz gestillt hätten. Ich bin eines Theils dieses Unholdes schon lange quitt. Ich binüberzeugt: was Menschen Menschen verheimlichen, ist selten des Nach-forschet werth. Andern Theils wissen Sie am besten, daß Ihre Ge-spräche gar nicht darnach eingerichtet sind, die Neugicr zu befriedigen.Was sie aber bey mir bewirkt haben, sind billigere Begriffe von einemInstitut, daS mir seit einiger Zeit fast verächtlich zu werden angefan-gen. Man kann sich schwerlich enthalten, die Unthaten der Kirche aufRechnung der Religion zu setzen.

Wenn Sie aber sagen, Sie wären ein Frcvmänrer, wie Sie ei»Christ sind, so muß ich gestehen, daß ich gerade daS Gegentheil be-haupten mochte. Sie sind ein Frcymäurer, wie Sie nicht wollen, daßman ein Christ scmi soll; denn im Grunde verhalten Sie sich zu einemächten Freymäurer, ungefähr, wie Eberhard zu Gdyen. Recht in demTone der Heterodoren Ibsen Sie den Zauber auf, der die Sinne blendet,erklären alles fein menschlich und irdisch, was den Rechtgläubigen inden dritten Himmel entzückt, predigen Rcchtschaffenheit, sagen, Sokra-tcS sey ein Christ gewesen, ohne cS selbst gewußt zu haben, und be-haupten in GottcS Nahmen: außer dem Christenthumc gebe eS keinenehrlichen Mann.

Im Ernste, sollte ich fast glauben, Ihre vortrefliche Idee vonder Nuybarr'eit des Instituts verdiente dem Publikum durch Tha-ten, aber nicht durch Wort und Schrift, geoffenbart zu werden. Siewissen, wie der große Haufen gestimmt ist. So bald man ein Dingbey seinem ächten Nahmen nennet, so heißt eS: je »nn, wennS weiter