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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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Berichtigungen und Zusätze

geringste Stümper ausgesetzt ist; ja dieser auch selbst nicht auf deinWiener Theater. Doch der Hr. von Sonnenfels fand für gut, lieberseine Corrcspondenz ganz aufzuheben, als mir hierauf zu antworten.Doch bedenke ich auch an wen ich schreibe? ... An einen Mannvon wichtigen Geschäften. Ich breche also ab, und bin mit aller cr-sinnlichen Hochachtung

Liebster Bruder,

Ich habe vielmehr geglaubt, Dich beleidiget zu haben. Durchmein hartnäckiges Stillschweigen nehmlich, und durch die anscheinendeVernachlässigung unserer Mutter. Aber Gott weiß, wie unschuldigich bin, wenn Du mich wegen der letztem in Verdacht hast. Ich kanes Carln kaum vergeben, wenn er Dir nicht längst klaren Wein ein-geschenkt hat. Ich befinde mich seit zwey Jahren in den allcrverwirr-tcsten kümmerlichsten Umständen, und versinke immer tiefer. Was sollich also der Mutter antworten? Soll ich ihr wirklich sagen, wie esmit mir steht? Soll ich ihr Hoffnungen machen, die ich keine Mög-lichkeit sehe, zu erfüllen? Ich kann itzt so wenig jemanden helffen,daß wenn mir Gott nicht bald hilft, ich schlechterdings hier zu Grundegehen muß. Ich habe längst alles, bis auf den letzten Heller, verlo-ren, was ich besaß. Ich habe mein Gehalt auf Jahr und Tag vor-ausnehmen müssen, um mich keiner Prostitution auszusetzen. Und itztlebe ich von Borg und von dem kleinen Verdienste, was meine Schrei-berey abwirst. Alles dieses schreibe ich Dir nicht, lieber Bruder, umDich für mich besorgt zu machen. Sey ohne Sorgen für mich. Ichkann für mich allerley Umstände aushalten: nur Verdacht, Gering-schätzung und Haß von denen nicht, für die ich gern in einer bessernLage alles thun wollte. Sichre mich, in Ansehung unserer Mutter,nur hiervor, und Du hast mir den größten Dienst gethan, den miritzt nur ein Mensch leisten kan. Aber genug hiervon

Ich komme auf den Inhalt Deines Briefes, und freue mich, Dichso ganz tief in Deinen alten Studien zu finden. Schade, daß ich wc-

') Auch diesen Brief verdankt der Herausgeber Herr» Felix Mendels-sohn , der ihn mit dem eben vorher mitgclhcilten zugleich erhallen hat.

Ew. HochwohlgebohrenWolfenbüttel , den 2Z. Oktbr.1772.

gehorsamster Diener,Lesstng.

S. 423.

An Theophilus Lessmg.")