Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
311
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Lcbcii dcs Sophokles

Es ist aber mich nicht weniger von ihm bekannt, daß er in derAuszicrung seiner Bühne und seiner Personen, sehr weit ging,und das Schreckliche darinn nicht selten übertrieb. Man erin-nere sich seiner LLumcniocn; welche grausame Wirkung der un-gewohnte Anblick dieser rachcrischcn Gottheiten, die Acscly-luszu allererst im Schlaugcnhaarc aufführte, auf die Zuschauerhatte! Und was sahe man nicht sonst alles auf seiner Buhne!^iglo«, Vautour«, Leidens, tIi'itons,Ili^ioceuwures A I^vlioll»,

Des I'auieaux kurleux, lloiit la gueulv Iieantv

Hut trauli »tv tiaz^eurs Iv graud clievsl tl'^tlaiite;eliar, l^uo lies Drakons etineel.ins ck'eelairs

l'iomenoielit en tiiUaut psr I<z vuicle lies ali's;

DomoiAlZZon encore ä la tritt« tigure,

Ht l'llorreur <^ la I>lc>it s'^ vo^oieut eri pelnture ( M).Dieses übertriebene Schreckliche also, welches Aesckylus nicht blosin seinen Versen schilderte, sondern wirklich durch alle Künsteder Skevopöie sichtbar machte, dieses ist es, was Plutarch 7-0

irixpov Zt«t, x«?«7-x^'ov «vi'oD x«7'uo'xx^rj^ nennet.

Denn der höchste Grad dcs Schrecklichen wird wirklich in derNachahmung rvioerrvarcig, nu-j'»^'. Zst es noch nöthig, diesesWort in n^vo? zu verwandeln?

Nach dieser Erklärung betrachte man nunmehr die Stelle dcsplurarchs, und sie ist ungleich Heller. Indem Acschylus denAusdruck der Tragödie so viel als möglich erhaben zu machensuchte, verstieg er sich oft in das Schwülstige; und dieses wardie erste Uebertreibung, die Sophokles vermied. Zudem Ae-schylus gern so schrecklich als möglich seyn wollte, ließ er sichoft verleiten, seine Zuflucht zu wunderbaren Maschinen undungeheuren Verkleidungen zu nehmen, die aber mehr Abscheuals Schrecken erregten; und dieses war der zweyte Fehler, inwelchen sich Sophokles nicht rcisscn ließ. Er ist erhaben, ohneschwülstig zu seyn; er ist schrecklich, ohne das Schreckliche einerwidrigen Skevopöie zu daukcn zu haben. Das alles paßt voll-kommen. Und doch sage ich, daß ich dieses Verhältniß des

(M) Tanaquill Fader in scinm französischen Lebensbeschreibungen dergriechischen Dichter.