Lorrede. 375
gemeiner Grundsätze angewachsen. Es sind also mehr unordcnt-liche Collcctanca zu einem Buche, als ein Buch.
Doch schmeichle ich mir, daß sie auch als solche nicht ganzzu verachten seyn werden. An systematischen Büchern habenwir Deutschen überhaupt keinen Mangel. Aus ein Paar ange-nommenen Wortcrklärungcn in der schönsten Ordnung alles,was wir nur wollen, herzuleiten, darauf verstehen wir uns,Trotz einer Nation in der Welt.
Baumgartcn bekannte, einen grosse» Theil der Beyspiele inseiner Aesthetik, Gcsncrs Wörtcrbuchc schuldig zu seyn. Wennmein Raisonncmcnt nicht so bündig ist als das Baunigarteusche,so werden doch meine Beyspiele mehr nach der Quelle schmecken.
Da ich von dem Laokoon gleichsam aussetzte, und mehrmalsauf ihn zurückkomme, so habe ich ihm auch einen Antheil ander Aufschrist lassen wollen. Andere kleine Ausschweifungen überverschiedene Punkte der alten Kunstgeschichte, tragen weniger zumeiner Absicht bey, nnd sie stehen nur da, weil ich ihnen nie-mals einen bessern Platz zu geben hoffen kann.
Noch erinnere ich, daß ich unter dem Name» der Mahle-rey, die bildenden Künste überhaupt bcgrciffc; so wie ich nichtdafür stehe, daß ich nicht unter dem Namen der Poesie, auchauf die übrigen Künste, deren Nachahmung fortschreitend ist,einige Rücksicht nehmen dürfte.
I.
Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Mei-sterstücke in der Mahlerey nnd Bildhauerkunst, setzet Herr Win-kclmann in eine edclc Einfalt und stille Grösse, sowohl in derStellung als im Ausdrucke. „So wie die Tiefe des Meeres„sagt er,» allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag auch noch„so wüthen, eben so zeiget der Ausdruck in den Figuren der„Griechen bey allen Leidenschaften eine grosse nnd gesetzte Seele.
„Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons ,„und nicht in dem Gesichte allein, bey dem heftigsten Lci-
a) Bon der Nachahmung der aricchischcn Werke in der Mahlerey nndBildhauerkunst. S. 21, 22.