Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
376
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Lackocu.

den. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln undSehnen dcS Körpers entdecket, lind den man ganz allein,ohne das Gesicht und andere Theile zu betrachten, an demschmerzlich eingezogenen Untcrlcibc bey nahe selbst zu empfin-den glaubt; dieser Schmerz, sage ich, äusscrt sich dennochmit keiner Wuth in dem Gesichte und in der ganzen Stel-lung. Er erhebt kein schreckliches Geschrey, wie Virgil vonseinem Laokoon singet; die Ocfnung des Mundes gestat-tet es nicht: es ist vielmehr ein ängstliches und beklemmtesSeufzen, wie es Sadolct beschreibet. Der Schmerz des Kör-pcrs und die Grosse der Seele sind durch den ganzen Bauder Figur mit gleicher Stärke ausgetheilet, und gleichsam ab-gewogen. Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktct: sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wirwünschten, wie dieser grosse Mann das Elend ertragenzu können."

Der Ausdruck einer so grossen Seele geht weit über dieBildung der schönen Natur. Der Künstler mußte die Stärkedes Geistes in sich selbst fühlen, welche er seinem Marmorcinprägtc. Griechenland hatte Künstler und Wcltwcise in einerPerson, und mehr als einen Metrodor. Die Weisheit reichteder Kunst die Hand, und bließ den Figuren derselben mehrals gemeine Seelen ein, n. s. w."

Die Bemerkung, welche hier zum Grunde liegt, daß derSchmerz sich in dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wuthnicht zeige, welche man bey der Heftigkeit desselben vermuthensollte, ist vollkommen richtig. Auch das ist unstreitig, daß ebenhierin», wo ein Halbkcnncr den Künstler unter der Natur ge-blieben zu sey», das wahre Pathetische des Schmerzes nicht er-reicht zu haben, urtheilen dürfte; daß, sage ich, eben hierin»die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet.

Nur in dem Grunde, welchen Herr Winkclmann dieserWeisheit giebt, in der Allgemeinheit der Regel, die er ausdiesem Grunde herleitet, wage ich es, anderer Meynung zu seyn.

Ich bekenne, daß der mißbilligende Seitenblick, welchen erauf den Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und nächstdem die Vcrglcichung mit dem Philoktct. Von hier will ich