Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 37!)
Stelle eine ähnliche charakteristische Entgegensetzung nicht bemer-ket haben./ Die feindlichen Heere haben einen Wasscnstillcstandgetroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer Todten beschäftiget,welches auf beyden Theilen nicht ohne hcifsc Thräne» abgehet;
5-9^« xco^5?- Aber Priamus verbietet seinen Tro-janern zu weinen; o^'6' e?« n^o-^o? ^x^»?. Er ver-bietet ihnen zu weinen, sagt die Dacicr, weil er besorgt, siemochten sich zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Muthan den Streit gehen. Wohl; doch frage ich: warum muß nurPriamus dieses besorgen? Warum ertheilet nicht auch Aganicm-non seinen Griechen das nehmliche Aerboth? Der Sinn desDichters geht tiefer. Er will uns lehren, daß nur der gesitteteGrieche zugleich weinen und tapfer seyn könne; indem der un-gesittete Trojaner, um es zu seyn, alle Menschlichkeit vorherersticken müsse. I^^tl.xcrci'ui^l.oit ^lev o^-sx^ xX«lkti>, läßt eran einem andern Orte 6 den verständigen Sohn des weisen Ne-stors sagen.
Es ist merkwürdig, daß unter den wenigen Trauerspielen,die aus dem Alterthume auf uns gekommen sind, sich zweyStücke finden, in welchen der körperliche Schmerz nicht derkleinste Theil des Unglücks ist, das den leidenden Helden trift.Ausser dem Philoktct, der sterbende Herkules. Und auch diesenläßt Sophokles klagen, winseln, weinen und schreyen. Tanksey unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des Anständigen,daß nunmehr ein winselnder Philoktct, ein schreyender Herkules,die lächerlichsten unerträglichsten Personen auf der Bühne seynwürden. Zwar hat sich einer ihrer neuesten Dichter/« an denPhiloktct gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahrenPhiloktct zu zcigcn?
Selbst ein Laokoon findet sich unter den Verlornen Stückendes Sophokles . Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Lao-koon gcgönnct hätte! Aus den leichten Erwähnungen, die seinereinige altc Grammatiker thun, läßt sich nicht schlicsscn, wie derDichter diesen Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert,
/) n V. 4?1.
A) oavic. 4. 195./») Chawubrun.