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6 (1839)
Entstehung
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L.iokoo».

daß cr den Laokoon nicht stoischer als den Phjloktct und Her-kules, wird geschildert haben. Alles Stoische ist unthcatralisch;und unser Mitleiden ist allezeit dem Leiden gleichmäßig, wel-ches der intcrcssircndc Gegenstand äusscrt. Sieht man ihn seinElend mit grosser Seele ertragen, so wird diese grosse Seelezwar unsere Bewunderung erwecken, aber die Bewunderung istein kalter Affekt, dessen nnthätigeS Staunen jede andere wär-mere Leidenschaft, so wie jede andere deutliche Vorstellung,ausschließet.

Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn eswahr ist, daß das Schreyen bey Empfindung körperlichen Schmer-zes, besonders nach der alten griechischen Denkungsart, gar wohlmit einer grossen Seele bestehen kann: so kann der Ausdruckeiner solchen Seele die Ursache nicht seyn, warum dem ohnge-achtct der Künstler in seinem Marmor dieses Schreyen nichtnachahmen wollen; sondern es muß einen andern Grund haben,warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet,der dieses Geschrey mit bestem Vorsätze ausdrücket.

II.

Es sey Fabel oder Geschichte, daß die Liebe den ersten Ver-such in den bildenden Künsten gemacht habe: so viel ist gewiß,daß sie den großen alten Meistern die Hand zu führen nichtmüde geworden. Denn wird itzt die Mahlerey überhaupt alsdie Kunst, welche Körper auf Flächen nachahmet, in ihrem gan-zen Umfange betrieben: so hatte der weise Grieche ihr weit en-gere Grenzen gcsctzct, und sie bloß auf die Nachahmung schönerKörper eingeschränket. Sein Künstler schilderte nichts als dasSchöne; selbst das gemeine Schöne, das Schöne niedrer Gat-tungen, war nur sein zufälliger Vorwurf, seine Uebung, seineErhohlung. Die Vollkommenheit des Gegenstandes selbst mußtein seinem Werke entzücken; cr war zu groß von seinen Betrach-tern zu verlangen, daß sie sich mit dem bloßen kalten Vergnü-gen, welches aus der getroffenen Achnlichkcit, aus der Erwägungseiner Gcschicklichkeit entspringet, begnügen sollten; an seinerKunst war ihm nichts lieber, dünkte ihm nichts edler, als derEndzweck der Kunst.