Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
393
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Ueber die Ereiizen der Mahlerey und Poesie,

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hören wir in seinem Schreyen; und der Dichter konnte es unsdurch dieses Schreyen allein sinnlich machen.

Wer tadelt ihn also noch? Wer muß nicht viclmcbr beken-nen: wenn der Künstler wohl that, daß er den Laokoon nichtschreyen ließ, so that der Dichter eben sowohl, daß er ihnschreyen ließ?

Aber Virgil ist hier bloß ein crjchlcndcr Dichter. Wird inseiner Rechtfertigung auch der dramatische Dichter mit begriffenseyn? Einen andern Eindruck macht die Erzchlung von jcmandsGeschrey; einen andern dieses Geschrey selbst. DaS Drama,welches für die lebendige Mahlerey des Schauspielers bestimmtist, dürste vielleicht eben deswegen sich an die Gesetze der ma-teriellen Mahlerey strenger halten müssen. Zn ihm glaubenwir nicht bloß einen schreyenden Philoktct zu sehen und zu hö-ren; wir hören und sehen wirklich schreyen. Je näher derSchauspieler der Natur kömmt, desto empfindlicher müssen un-sere Augen und Ohren beleidiget werden; denn es ist unwider-sprcchlich, daß sie es in der Natur werden, wenn wir so lauteund heftige Aeusserungen des Schmerzes vernehmen. Zudem istder körperliche Schmerz überhaupt des Milleidcns nicht fähig,welches andere Uebel erwecken. Unsere Einbildung kann zu we-nig in ihm unterscheiden, als daß die blosse Erblickung dessel-ben etwas von einem gleichmäßigen Gefühl in uns hervor zubringen vermöchte. Sophokles könnte daher leicht nicht einenbloß willkürlichen, sondern in dem Wesen unserer Empfindun-gen selbst gegründeten Anstand übertreten haben, wenn er denPhiloktct und Herkules so winseln und weinen, so schreyen undbrüllen läßt. Die Umstehenden können unmöglich so viel An-theil an ihrem Leiden nehmen, als diese ungemäßigten Aus-brüche zu erfordern scheinen. Sie werden uns Zuschauern vcr-gleichungsweise kalt vorkommen, und dennoch können wir ihrMitleiden nicht wohl anders, als wie das Maaß des unsrigcnbetrachten. Hierzu füge man, daß der Schauspieler die Vorstel-lung des körperlichen Schmerzes schwerlich oder gar nicht biszur Illusion treiben kann: und wer weis, ob die neuern dra-matischen Dichter nicht eher zu loben, als zu tadeln sind, daß