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den geringsten Mitteln seyn kann, durch die er uns für seinePersonen zu intcrcßircn weis. Oft vcrnachläßigct er dieses Mit-tel gänzlich; versichert, daß wenn sein Held unsere Gewogen-heit gewonnen, uns dessen edlere Eigenschaften entweder so be-schäftigen, daß wir an die körperliche Gestalt gar nicht denken,oder, wenn wir daran denken, uns so bestechen, daß wir ihmvon selbst wo nicht eine schöne, doch eine gleichgültige ertheilen.Am wenigsten wird er bey jedem einzeln Zuge, der nicht aus-drücklich für das Gesicht bestimmet ist, seine Rücksicht dennochauf diesen Sinn nehmen dürffcn. Wenn Virgils Laokoonschreyet, wem fällt es dabey ein, daß ein großes Maul zumSchreyen nöthig ist, und daß dieses große Maul häßlich läßt?Genug, daß el.imnres Iiorrenllos k»I 5i<Zera tollit ein erhabnerZug für das Gehör ist, mag er doch für das Gesicht seyn,was er will. Wer hier ein schönes Bild verlangt, auf denhat der Dichter seinen ganzen Eindruck verfehlt.
Nichts nöthiget hicrnächst den Dichter sein Gemählde in ei-nen einzigen Augenblick zu conccntrircn. Er nimt jede seinerHandlungen, wenn er will, bey ihrem Ursprünge auf, undführet sie durch alle mögliche Abänderungen bis zu ihrer End-schaft. Jede dieser Abänderungen, die dem Künstler ein ganzesbesonderes Stück kosten würde, kostet ihm einen einzigen Zug;und würde dieser Zug, für sich betrachtet, die Einbildung desZuhörers beleidigen, so war er entweder durch das Vorherge-hende so vorbereitet, oder wird durch das Folgende so gemildertund vergütet, daß er seinen einzeln Eindruck verlieret, und inder Verbindung die trcflichstc Wirkung von der Welt thut.Wäre es also auch wirklich einem Manne unanständig, in derHeftigkeit des Schmerzes zu schreyen; was kann diese kleineübcrhingchcndc Unanständigkeit demjenigen bey uns für Nach-theil bringen, dessen andere Tugenden uns schon für ihn einge-nommen haben? Virgils Laokoon schreyet, aber dieser schreyendeLaokoon ist eben derjenige, den wir bereits als den vorsich-tigsten Patrioten, als den wärmsten Vater kennen und lie-ben. Wir beziehen sein Schreyen nicht auf seinen Charakter,sondern lediglich auf sein unerträgliches Leiden. Dieses allein