Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
411
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Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 411

cher das Spiel der leidenden Nerven und arbeitenden Mus-keln verändern und schwächen könnte. Die doppelten Windun-gen der Schlangen würden den ganzen Leib verdeckt haben, undjene schmerzliche Einziehung des Unterleibes, welche so scbr aus-drückend ist, würde unsichtbar geblieben se>?u. Was man über,oder unter, oder zwischen den Windungen, von dem Leibe nocherblickt hätte, würde unter Pressungen und Aufschwcllungcn er-schienen seyn, die nicht von dem innern Schmerze, sondern vonder äussern Last gcwirket worden. Der eben so oft umschlun-gene Hals würde die pvramidalische Zuspitzung der Gruppe,welche dem Auge so angenehm ist, gänzlich verdorben haben;und die aus dieser Wulst ins Freye hinausragende spitze Schlan -gcnköpfc hätten einen so plötzlichen Abfall von Mensur gemacht,daß die Form des Ganzen äusserst anstößig geworden wäre.Es giebt Zeichner, welche unverständig genug gewesen sind, sichdcmohngcachtct an den Dichter zu binden. Was denn aberauch daraus geworden, läßt sich unter andern aus cincm Blattedes Franz Cleyn - mit Abscheu erkennen. Die alten Bildhauerübersahen es mit cincm Blicke, daß ihre Kunst hier eine gänz-liche Abänderung erfordere. Sie verlegten alle Windungenvon dem Leibe und Halse, um die Schenkel und Füsse. Hierkonnten diese Windungen, dem Ausdrucke unbeschadet, so vieldecken und pressen, als nöthig war. Hier erregten sie zugleichdie Idee der gehemmten Flucht und einer Art von Unbcwcglich-keit, die der künstlichen Fortdauer des nehmlichen Zustandessehr vorthcilhaft ist.

Ich weis nicht, wie es gekommen, daß die Kunstrichtcrdiese Verschiedenheit, welche sich in den Windungen der Schlan-gen zwischen dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dich-ters so deutlich zeiget, gänzlich mit Stillschweigen Übergängen

-') In der prächtigen Ausgabe von Drydcns englischem Virgil. (Lon-don 1697 in groß Folio.) Und doch hat auch dieser die Windungen derSchlangen um den Leib nur einfach, und um den Hals fast garnicht geführt.Wenn ein so millclmäßigcr Künstler anders eine Entschuldigung verdient, sokönnte ihm nur die zu Statten kommen, daß Kupfer zu cincm Buche alsblosse Erläulcrungc», nicht aber als für sich bcstchcndc Kunstwerke zu bc-trachten sind.