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Laokoon.
setzten. ^ „Es verdienet angemerkt zu werden, sagt er, daß die„römischen Dichter von den besten dieser moralischen Wesen„weit weniger sagen, als man erwarten sollte. Die Artisten„sind in diesem Stucke viel reicher, und wer wissen will, was„jedes derselbe» für einen Aufzug gemacht, darf nur die Mün-„zcn der römischen Kayscr zu Rathe ziehen. —Die Dichter„sprechen von diesen Wesen zwar öfters, als von Personen;„überhaupt aber sagen sie von ihren Attributen, ihrer Kleidung„und übrigem Ansehen sehr wenig." —
Wenn der Dichter Abstracta pcrsonifiret, so sind sie durchden Namen, und durch das, was er sie thun läßt, genugsamcharaktcrisiret.
Dem Künstler fehlen diese Mittel. Er muß also seinenpersonifirten Abstractis Sinnbilder zugeben, durch welche siekenntlich werden. Diese Sinnbilder weil sie etwas anders sind,und etwas anders bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren.
Eine Frauensperson mit einem Zaume in der Hand; eineandere an eine Säule gclchnct, sind in der Kunst allegorischeWesen. Allein die Mäßigung, die Sündhaftigkeit bey demDichter, sind keine allegorische Wesen, sondern bloß personi-firte Abstracta.
Die Sinnbilder dieser Wesen bey dem Künstler, hat dieNoth erfunden. Denn er kann sich durch nichts anders ver-ständlich machen, was diese oder jene Figur bedeuten soll.Wozu aber den Künstler die Noth treibet, warum soll sich dasder Dichter aufdringen laßen, der von dieser Noth nichts weis?
Was Spenccn so sehr befremdet, verdienet den Dichternals eine Regel vorgeschrieben zu werden. Sie müßen die Be-dürfnisse der Mahlerey nicht zu ihrem Rcichthumc machen. Siemüssen die Mittel, welche die Kunst erfunden hat, um derPoesie nachzukommen, nicht als Vollkommenheiten betrachten,auf die sie neidisch zu seyn Ursache hätten. Wenn der Künst-ler eine Figur mit Sinnbildern auszicrct, so erhebt er einebloße Figur zu einem höhern Wesen. Bedienet sich aber der
c) polvin. »i-ll. X. p, t37.l?) UM, p. 13t,