Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
449
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lieber dic Grenzen der Mahlerey und Poesie.

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sprechen sehe», sondern auch hören, was sie sprechen. Von den,ersten Blicke hanget dic größte Wirkung ab, nnd wenn linsdieser zu mühsamen Nachsinnen lind Rathen nöthiget, so erkal-tet unscrc Begierde gcrührct zu werden; um uns an dem unver-ständlichen Künstler zu rächen, verhärten wir uns gegen denAusdruck, und weh ihm, wann er die Schönheit dem Ausdruckeaufgeopfert hat! Wir .finden sodann gar nichts, was uns rcitzc»könnte, vor seinem Werke zu verweilen; was wir sehen ge-fällt uns nicht, und was wir dabey denken solle», wissenwir nicht.

Nun nehme man beydes zusammen; einmal, daß die Erfin-dung und Neuheit des Norwurfs das vornehmste bey weitemnicht ist, was wir von dem Mahler verlange»; zwcytcns, daßein bekannter Borwurf dic Wirkung seiner Kunst bcfödcrt underleichtert: und ich mciiic, nia» wird die Ursache, warum ersich so selten zu neue» Borwürfcn entschließt, nicht mit demGrafen Caylus, in seiner Bequemlichkeit, in seiner Unwissenheit,in der Schwierigkeit des mechanischen Theiles der Kunst, welcheallen seinen Fleiß, alle seine Zeit erfordere, suchen dürfen; son-dern man wird sie tiefer gegründet finden, und vielleicht gar,was Anfangs Einschränkung der Kunst, Verkümmerung unsersVergnügens, zu seyn scheinet, als eine weise und uns selbstnützliche Enthaltsamkeit an dem Artisten zu lobcn gcncigt scyn.Ich fürchte auch nicht, daß mich dic Erfahrung widerlegen werde.Die Mahler werden dem Grafen für seinen guten Willen dan-ken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen, als er es erwar-tet. Geschähe es jedoch: so würde über hundert Jahr ein neu-er Caylus nöthig scyn, der die alten Vorwürfe wieder ins Ge-dächtniß brächte, und den Künstler in das Feld zurückführte,wo andere vor ihm so unsterbliche Lorbeeren gebrochen haben.Oder verlangt man, daß das Publicum so gelehrt scyn soll,als der Kcnncr aus seinen Büchern ist? Daß ihm alle Scenender Geschichte und der Fabel, die ein schönes Gemählde gebenkönnen, bekannt und geläufig scyn sollen? Ich gebe es zu, daßdie Künstler beßcr gethan hätten, wenn sie seit Raphacls ?ci-ten, anstatt des Lvids, den Homer zu ihrem Handbuchc gemachthätten. Aber da cs nun einmal nicht geschehen ist, so laße

?-slmgSWttke vi, 29