Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 455
zu seyn. Denn wenn im Getümmel der Schlacht einer von denwichtigern Helden in Gefahr kömmt, ans der ihm keine andere,als göttliche Macht retten kann: so läßt der Dichter ihn vonder schlitzenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nachtverhüllen, und so davon führen; als den Paris von der Acnus, <iden Zdäus vom Neptun, - den Hcktor vom Apollo./ Und die-sen Nebel, diese Wolke, wird Caylus nie vergessen, dem Künst-lcr bestens zu empfehlen, wenn er ihm die Gemählde von der-gleichen Begebenheiten vorzcichnct. Wer sieht aber nicht, daßbey dem Dichter das Einhüllen in Nebel und Nacht weiternichts, als eine poetische Redensart für unsichtbar machen,seyn soll? Es hat mich daher jederzeit befremdet, diesen poeti-schen Ausdruck rcalisirct, und eine wirkliche Wolke in dem Ge-mählde angebracht zu finden, hinter welcher der Held, wie hin-ter einer spanischen Wand, vor seinem Feinde verborgen stehet.Das war nicht die Meinung des Dichters. Das heißt aus denGrenzen der Mahlerey herausgehen; denn diese Wolke ist hiereine wahre Hieroglyphe, ein blosses symbolisches Zeichen, das denbefreyten Held nicht unsichtbar macht, sondern den Betrachternzuruft: ihr müßt ihn euch als unsichtbar vorstellen. Sie ist hiernichts besser, als die beschriebenen Zettclchcn, die auf altengothischen Gemählden den Personen aus dem Munde gehen.
Es ist wahr, Homer läßt den Achilles, indem ihm Apolloden Hcktor entrücket, noch dreymal nach dem dücken Nebel mitder Lanze stossen: <5'-»^9« jZ«^xt«v.S Allein auchdas heißt in der Sprache des Dichters weiter nichts, als daßAchilles so wüthend gewesen, daß er noch dreymal gcstosscn, eheer es gemerkt, daß er seinen Feind nicht mehr vor sich habe.Keinen wirklichen Nebel sahe Achilles nicht, und das ganzeKunststück, womit die Götter unsichtbar machten, bestand auchnicht in dem Nebel, sondern in der schnellen Entrückung. Nurum zugleich mit anzuzeigen, daß die Entrückung so schnell gesche-hen, daß kein menschliches Auge dem entrückten Körper nach-
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