Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
509
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Ueber die Erciijen der Mahlerey und Poesie,

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Vollkommenheiten erfodert. Dieses ist die Erklärung meinesFreundes, zu der ich hinzusetzen möchte, daß dieser Eontrastnicht zu krall und zu schneidend seyn muß, daß die Opposita,um in der Sprache der Mahler fortzufahren, von der Art seynmüssen, daß sie sich in einander verschmelzen lassen. Der weiselind rechtschaffene Acsop wird dadurch, daß man ihm die Häß-lichkeit des Thersitcs gegeben, nicht lächerlich. Es war einealberne Mönchsfratzc, das le^oiov seiner lehrreichen Mährchcn,vermittelst der Ungestalthcit auch in seine Person verlegen zuwollen. Denn ein mißgebildeter Körper und eine schöne Seele,sind wie Oel und Eßig, die wenn man sie schon in einanderschlägt, für den Geschmack doch immer gctrennct bleiben. Siegewähren kein Drittes; der Körper erweckt Verdruß, die SeeleWohlgefallen; jedes das seine für sich. Nur wenn der mißge-gcbildctc Körper zugleich gebrechlich und kränklich ist, wenn erdie Seele in ihren Wirkungen hindert, wenn er die Quellenachthciliger Vorurthcile gegen sie wird: alsdcnn flicsscn Ver-druß und Wohlgefallen in einander; aber die neue daraus ent-springende Erscheinung ist nicht Lachen, sondern Mitleid, undder Gegenstand, den wir ohne dieses nur hochgeachtet hätten,wird interessant. Der mißgebildete gebrechliche Pope mußteseinen Freunden weit interessanter seyn, als der schöne und ge-sunde Wichcrley den seinen. So wenig aber Thersitcs durchdie blosse Häßlichkeit lächerlich wird, eben so wcnig würde eres ohne dieselbe seyn. Die Häßlichkeit; die Uebereinstimmungdieser Häßlichkeit mit seinem Charakter; der Widerspruch, denbeyde mit der Zdec machen, die er von seiner eigenen Wich-tigkeit heget; die unschädliche, ihn allein demüthigende Wirkungseines boshaften Geschwätzes: alles muß zusammen zu diesemZwecke wirken. Der letztere Umstand ist das 0^> -5>5«p?-tx<n',welches Aristoteles ^ unumgänglich zu dem Lächerlichen verlan-get; so wie es auch mein Freund zu einer nothwendigen Be-dingung macht, daß jener Eontrast von keiner Wichtigkeit seyn,lind uns nicht sehr interessircn müsse. Denn man nehme auchnur an, daß dem Thersitcs selbst seine hämische Vcrklcincrung

») Philos. Schriften des Hrn. Moses Mendelssohn Th, il. E, 23.6) No ?oelic» c»i>> V.