Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
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Hamburgische Dramaturgie.

Trivialste von dieser Art, in seinem Munde Neuheit und Würde,das Frostigste Feuer und Leben erhält.

Die eingestreuten Moralcn sind Eronegks beste Seite. Erhat, in seinem Codrus und hier, so manche in einer so schönennachdrücklichen Kürze ausgedrückt, daß viele von seinen Versenals Sentenzen behalten, und von dem Volke unter die im ge-meinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu werden ver-dienen. Leider sucht er uns nur auch öfters gefärbtes Glasfür Edelsteine, lind witzige Antithesen für gesunden Verstandcinzuschwatzcn. Zwey dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte,hatten eine besondere Wirkung auf mich. Die eine,Der Himmel kann verzeih», allein ein Priester nicht."Die andere,

Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Bösewicht."Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung,und dasjenige Gcmurmcl zu bemerken, durch welches sich derBeyfall ausdrückt, wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gänzlichausbrcchcn läßt. Theils dachte ich: Vortrefflich! man liebthier die Moral; dieses Partcrr findet Geschmack an Maximen;auf dieser Bühne könnte sich ein Euripides Ruhm erwerben,und ein Sokratcs würde sie gern besuchen. Theils fiel es mirzugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diesevermeinten Maximen wären, und ich wünschte sehr, daß dieMißbilligung an jenem Gcmurmlc den meisten Antheil mögegehabt haben. Es ist nur Ein Athen gewesen, es wird nurEin Athen bleiben, wo auch bey dem Pöbel das sittliche Ge-fühl so fein, so zärtlich war, daß einer unlautcrn Moral we-gen, Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theaterbcrabgcstürmct zu werden! Ich weiß wohl, die Gesinnungenmüssen in dem Drama dem angenommenen Charakter der Per-son, welche sie äußert, entsprechen; sie können also das Siegelder absoluten Wahrheit nicht haben; genug, wenn sie poetischwahr sind, wenn wir gestehen müssen, daß dieser Charakter, indieser Situation, bey dieser Leidenschaft, nicht anders als sohabe urtheilen können. Aber auch diese poetische Wahrheit mußsich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum nähern,und der Dichter muß nie so unphilosophisch denken, daß er an-