Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
36
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Hambiirgischc Dramaturgie.

Den dritten Abend (FrcytagS, den 24stcn v. M.) wardMelaiiidc aufgeführet. Dieses Stück des Nivclle de la Chausseeist bekannt. Es ist von der rührenden Gattung, der man denspöttischen Beynamen, der Weinerlichen, gegeben. Wenn wei-nerlich heißt, was uns die Thränen nahe bringt, wobey wirnicht übel Lust hätten zu weinen, so sind verschiedene Stückevon dieser Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einerempfindlichen Seele Ströme von Thränen; und der gemeinePraß französischer Trauerspiele verdienet, in Vergleichung ihrer,allein weinerlich genannt zu werden. Denn eben bringen sieeS ungefähr so weit, daß uns wird, als ob wir hätten weinenkönnen, wenn der Dichter seine Kunst besser verstanden hätte.

Mclanide ist kein Meisterstück von dieser Gattung; aberman sieht cS doch immer mit Vergnügen. ES hat sich, selbstauf dem französischen Theater, erhalten, auf welchem es imZahre 1741 zuerst gespielt ward. Der Stoff, sagt man, seyaus einem Roman, Mademoiselle dc Bontems betittelt, entleh-net. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Si-tuation der zweyten Scene des dritten Akts aus ihm genommenist, so muß ich einen Unbekannten, anstatt des de la Chaussee,um das beneiden, wcßwegcn ich wohl, eine Mclanide gemachtzu haben, wünschte.

Die Übersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser,als eine italienische, die in dem zweyten Bande der theatrali-schen Bibliothek des Diodati stehet. Ich muß es zum Trostedes größten Haufens unserer Uebersetzer anführen, daß ihre ita-lienischen Mitbrüdcr mcistentheils noch weit elender sind, als sie.Gute Berse indeß in gute Prosa übcrsctzcn, erfodcrt etwas mehr,als Genauigkeit; oder ich möchte wohl sagen, etwas anders.Allzn pünktliche Treue macht jede Uebersetzung steif, weil un-möglich alles, was in der einen Sprache natürlich ist, es auchin der andern seyn kann. Aber eine Ucbcrsctzung aus Versenmacht sie zugleich wäßrig und schielend. Denn wo ist derglückliche Versificateur, den nie das Sylbenmaaß, nie der Reim,hier etwas mehr oder weniger, dort etwas stärker oder schwä-cher, früher oder später, sagen liesse, als er eS, frey von diesemZwange, würde gesagt haben? Wenn nun der Uebersetzcr dieses