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198 Hain burgische Dramaturgie.
Diesen Punkt von der historischen Wahrheit abgerechnet, binich sehr bereit, das übrige Urtheil des Herrn von Voltaire zuunterschreiben. Esser ist ein mittelmäßiges Stück, sowohl inAnsehung der, Intrigue, als des Stils. Den Grafen zu einemseufzenden Liebhaber einer Jrton zu machen; ihn mehr aus Ver-zweiflung, daß er der ihrige nicht scvn kann, als aus cdclmüthi-gcm Stolze, sich nicht zu Entschuldigungen und Bitten herab zulassen, auf das Schaffet zu führen: das war der unglücklichsteEinfall, den Thomas nur haben konnte, den er aber als einFranzose wohl haben mußte. Der Stil ist in der Grundspracheschwach; in der Ucbcrsctzung ist er oft kriechend geworden. Aberüberhaupt ist das Stück nicht ohne Interesse, und hat hier undda glückliche Verse; die aber im Französischen glücklicher sind, alsim Deutschen. „Die Schauspieler, setzt der Herr von Voltaire hinzu, besonders die in der Provinz, spielen die Rolle des Essergar zu gern, weil sie in einem gestickten Bande unter dem Knie,und mit einem großen blauen Bande über die Schulter darinnerscheinen können. Der Graf ist ein Held von der ersten Klasse,den der Neid verfolgt: das macht Eindruck. Ucbrigcus ist dieZahl der guten Tragödien bey allen Nationen in der Welt soklein, daß die, welche nicht ganz schlecht sind, noch immer Zu-schauer an sich ziehen, wenn sie von guten Akteurs nur aufge-stützet werden."
Er bestätiget dieses allgemeine Urtheil durch verschiedene ein-zelne Anmerkungen, die eben so richtig, als scharfsinnig sind, undderen man sich vielleicht, bey einer wiederholten Vorstellung, mitVergnügen erinnern dürfte. Zch theile die vorzüglichsten also hiermit; in der festen Ueberzeugung, daß die Kritik dem Genussenicht schadet, und daß diejenigen, welche ein Stück am schärfc-stcn zu beurtheilen gelernt haben, immer diejenigen sind, welchedas Theater am fleißigsten besuchen.
„Die Rolle des Cecils ist eine Nebenrolle, und eine sehrfrostige Nebenrolle. Solche kriechende Schmeichler zu mahlen,muß man die Farben in seiner Gewalt haben, mit welchen Ra-cine den Narcissus geschildert hat."
„Die vorgebliche Herzoginn von Jrton ist eine vernünftigetugendhafte Frau, die sich durch ihre Liebe zu dem Grafen wc-