erster Band.
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„Mein Herr Notcnmachcr, dicsc Schwanke gehören in eure all-gemeine Geschichte, nicht unter meinen Text. Denn cS ist falsch,daß meine Elisabeth acht und sechzig Zahr alt ist. Weiset mirdoch, wo ich das sage. Was ist in meinem Stücke, das Euchhinderte, sie nicht ungefehr mit dem Esser von gleichem Alteranzunehmen? Ihr sagt: Sie war aber nicht von gleichem Alter:Welche Sie? Eure Elisabeth im Napin de Thoyras; das kannseyn. Aber warum habt ihr den Rapin de Thoyras gelesen?Warum seyd ihr so gelehrt? Warum vermengt ihr dicsc Elisa-beth mit meiner? Glaubt ihr im Ernst, daß die Erinncrung beydem und jenem Zuschalicr, der den Rapin de Thoyras auch ein-mal gelesen hat, lebhafter seyn werde, als der sinnliche Eindruck,den eine wohlgcbildctc Aktrice in ihren bcstcn Zahrcn auf ihnmacht? Er ficht ja mcinc Elisabeth; und seine eigene Augenüberzeugen ihn, daß es nicht eure acht und scchzigjährige Elisa-beth ist. Oder wird er dem Rapin de Thoyras mehr glauben,als seinen eignen Augen?" —
So ungefehr könnte sich auch der Dichter über die Rolle desEsser erklären. „Euer Esser im Rapin de Thoyras, könnte ersagen, ist nur der Embryo von dem mcinigen. Was sich jenerzu seyn dünkte, ist meiner wirklich. Was jener, unter glückli-chern Umständen, für die Königinn vielleicht gethan hätte, hatmeiner gethan. Ihr hört ja, daß es ihm die Königinn selbstzugesteht; wollt ihr meiner Königinn nicht eben so viel glauben,als dem Rapin de Thoyras? Mein Esser ist ein verdienter undgroßer, aber stolzer und unbicgsamcr Mann. Eurer war in derThat weder so groß, noch so unbicgsam: desto schlimmer für ihn.Genug für mich, daß er doch immer noch groß und unbicg-sam genug war, um meinem von ihm abgezogenen Begriffe sei-nen Namen zu lassen."
Kurz: die Tragödie ist keine dialogirte Geschichte; die Ge-schichte ist für die Tragödie nichts, als cin Rcpcrtorium vonNamcn, mit dcncn wir gewisse Charaktere zu verbinden gewohntsind. Findet der Dichter in der Geschichte mehrere Umständezur Ausschmückung und Zndividualisirung seines Stoffes bequem:wohl, so brauche er sie. Nur daß man ihm hieraus eben so we-nig cin Verdienst, als aus dem Gcgcnthcilc cin Vcrbrcchcn mache!