Erster Band.
selbst in der schlechtesten Eopic noch immer gefiel, so glaubteman, daß es ein eben so glücklicher Stoff auch für das Theaterseyn müsse. Houdar de la Motte , und andere, machten denVersuch; aber ich berufe mich auf jedes feinere Gefühl, wie die-ser Versuch ausgefallen. Der Charakter der Matrone, der inder Erzehlung ein nicht unangenehmes höhnisches Lächeln überdie Vcrmcssenheit der ehelichen Liebe erweckt, wird in dem Dramaeckcl lind gräßlich. Wir finden hier die Ucberrcdungcn, derensich der Soldat gegen sie bedienet, bey weitem nicht so fein unddringend und siegend, als wir sie uns dort vorstellen. Dortbilden wir uns ein empfindliches Weibchen ein, dem es mit sei-nem Schmerze wirklich Ernst ist, das aber den Versuchungenund ihrem Temperamente unterliegt; ihre Schwäche dünkt unsdie Schwäche des ganzen Geschlechts zu sey»; wir fassen alsokeinen besondern Haß gegen sie; was sie thut, glauben wir,würde ungefehr jede Frau gethan haben; selbst ihren Einfall,den lebendigen Liebhaber vermittelst des todten Mannes zu ret-ten, glauben wir ihr, des Sinnreichen und der Besonnenheitwegen, verzeihen zu müssen; oder vielmehr eben das Sinnreichedieses Einfalls bringt uns auf die Vermuthung, daß er wohlauch nur ein bloßer Zusatz des hämischen Erzchlcrs sey, der seinMährchcn gern mit einer recht giftigen Spitze schliessen wollen.Aber in dem Drama findet diese Vermuthung nicht Statt; waswir dort nur hören, daß es geschehen sey, sehen wir hier wirk-lich geschehen; woran wir dort noch zweifeln können, davonüberzeugt uns unser eigener Sinn hier zu unwiocrsprcchlich; beyder bloßen Möglichkeit ergötzte uns das Sinnreiche der That,bey ihrer Wirklichkeit sehen wir bloß ihre Schwärze; der Ein-fall vergnügte unsern Witz, aber die Ausführung des Einfallsempört unsere ganze Empfindlichkeit; wir wenden der Vühncden Rücken, und sagen mit dem Lykas beym Pctron, auch ohneuns in dem besondern Falle des Lykas zu befinden: 8i ^uttusImperator füllet, cloliult patrislktmili-v enr^us in monimvntunirel'ei'i'v, luulivi'vm sclliAoro eiuci. Ilnd diese Strafe scheinet sieuns um so viel mehr zu verdienen, je weniger Kunst der Dichterbey ihrer Verführung angewendet; denn wir verdammen sodannin ihr nicht das schwache Weib überhaupt, sondern ein vorzüg-
Lessings Werke vii. 11