Erster Band.
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Zwar begegnete ehedem das Publikum auch dem große» Cor-neille sehr vorzüglich; sein Stuhl aus dem Theater ward bestän-dig frey gelassen, wenn der Zulauf auch noch so groß war, undwenn er kam, so stand jedermann auf; eine Distinction, derenin Frankreich nur die Prinzen vom Gcblütc gewürdigct werden.Corneille ward im Theater wie in seinem Hause angesehen; undwenn der Hausherr erscheinet, was ist billiger, als daß ihmdie Gaste ihre Höflichkeit bezeige»? Aber Noltaircn wicdcrfuhrnoch ganz etwas anders: das Parterr ward begierig den Mannvon Angesicht zu kennen, den es so sehr bewundert hatte; wiedie Vorstellung also zu Ende war, verlangte es ihn zu sehen,und rüste, und schrie und lcrmtc, bis der Herr von Voltaire heraustreten, und sich begaffen und beklatschen lassen mußte.Ich weiß nicht, welches von beiden mich hier mehr befremdethätte, ob die kindische Neugicrde des Publikums, oder die citcleGefälligkeit des Dichters. Wie denkt man denn, daß ein Dich-ter aussieht? Nicht wie andere Menschen? Und wie schwachmuß der Eindruck seyn, den das Werk gemacht hat, wenn manin eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die Figurdes Meisters dagegen zu halten? Das wahre Meisterstück, dünktmich, erfüllet uns so ganz mit sich selbst, daß wir des Urhebersdarüber vergessen; daß wir es nicht als das Produkt eines ein-zeln Wesens, sondern der allgemeinen Natur betrachten. ?>»ungsagt von der Sonne, es wäre Sünde in den Heiden gewesen,sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel liegt, soist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so groß,so überschwenglich, daß es dem rohcrn Menschen zu verzeihen,daß eS sehr natürlich war, wenn er sich keine größere Herrlich-keit, keinen Glanz denken konnte, von dem jener nur ein Ab-glanz scu, wenn er sich also in der Bewunderung der Sonneso sehr vcrlohr, daß er an den Schöpfer der Sonne nicht dachte.Ich vermuthe, die wahre Ursache, warum wir so wenig Zuver-läßigcs von der Person und den Lcbcnsumständen des Homerswissen, ist die Vortrcfflichkcit seiner Gedichte selbst. Wir stehenvoller Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seineQuelle im Gebirge zu denken. Wir wollen es Nichtwissen, wirfinden unsere Rechnung dabey, es zu vergessen, daß Homer , der
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