Zweyter Band.
macht hat, ist in viclcrlcy Betrachtung merkwürdig. „Heut zu„Tage, sagt er, dürfte man es nicht wagen, einem Helden„eine Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen„nicht, wie sie sich dabey anstellen sollen; sie thun nur, als„ob sie eine gäben. Nicht einmal in der Komödie ist so etwas„mehr erlaubt; und dieses ist das einzige Ercmpcl, welches man„auf der tragischen Wuhne davon hat. Es ist glaublich, daß„man unter andern mit deswegen den Eid eine Tragikomödie„betitelte; lind damals waren fast alle Stucke des Scudcri und„des Boisrobert Tragikomödien. Man war in Frankreich lange„der Meinung gewesen, daß sich das nnuntcrbrochnc Tragische,„ohne alle Vermischung mit gemeinen Zügen, gar nicht aus-halten lasse. Das Wort Tragikomödie selbst, ist sehr alt;„Plautus braucht cs, seinen Amphitruo damit zu bezeichnen,„weil das Abcnthcucr des Sofias zwar komisch, Amphitruo „selbst aber in allem Ernste betrübt ist." — Was der Herrvon Voltaire nicht alles schreibt! Wie gern cr immer ein we-nig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie sehr cr mcistcnthcilsdamit verunglückt!
Es ist nicht wahr, daß die Ohrfeige lm Cid die einzige aufder tragischen Bühne ist. Noltairc hat den Esser des Banksentweder nicht gekannt, oder vorausgesetzt, daß die tragischeBühne seiner Nation allein diesen Namen verdiene. Unwissen-heit verrath beides; und nur das letztere noch mehr Eitelkeit,als Unwissenheit. Was cr von dem Namen der Tragikomödiehinzufügt, ist eben so unrichtig. Tragikomödie hicß die Vorstel-lung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, diecincn vergnügten Ausgang hat; das ist der Eid, und die Ohr-feige kam dabey gar nicht in Betrachtung; dcnn dicscr Ohrfeigeungeachtet, nannte Eorncille hernach sein Stück eine Tragödie,sobald cr das Vorurthcil abgelegt hatte, daß eine Tragödienothwcndig cinc unglückliche Katastrophe haben müsse. Plautus braucht zwar das Wort ^raFieocomv'ljia: aber cr braucht esblos im Schcrzc; und gar nicht, um eine besondere Gattungdamit zu bezeichnen. Auch hat cs ihm in diesem Verstände keinMensch abgcborgt, bis cs in dem scchszchntcn Jahrhunderte denSpanischen und Ztalicnischcn Dichtern cinsicl, gewisse von ihren