248 ' Hamburgische Dramaturgie.
Glaubt sie ihrer günstigen Gesinnungen auch auf so wenigeStunden nicht mächtig zu seyn, daß sie sich mit Fleiß auf einesolche Art fesseln will? Wenn sie ihm in Ernste vergeben hat,wenn ihr wirklich an seinem Leben gelegen ist: wozu das ganzeSpicgclgefcchtc? Warum konnte sie es bey den mündlichen Ver-sicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, blosum den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wortzu halten, er mag wieder in ihre Hände kommen, oder nicht.Gab sie ihn aber, um durch die Wicdcrcrhaltung desselben vonder fortdauernden Reue und Unterwerfung des Grafen versichertzu seyn: wie kann sie in einer so wichtigen Sache seiner töd-lichsten Feindinn glauben? Und hatte sich die Nottingham nichtkurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen?
So wie Banks also den Ring gebraucht hat, thut er nichtdie beste Wirkung. Mich dünkt, er würde eine weit besserethun, wenn ihn die Königinn ganz vergessen hätte, und er ihrplötzlich, aber auch zu spät, eingehändiget würde, indem sie ebenvon der Unschuld, oder wenigstens geringern Schuld des Grasen,noch aus andern Gründen überzeugt würde. Die Schenkungdes Ringes hätte vor der Handlung des Stücks lange müssenvorhergegangen seyn, und blos der Graf hätte darauf rechnenmüssen, aber aus Edclmuih nicht eher Gebrauch davon machenwollen, als bis er gesehen, daß man auf seine Rechtfertigungnicht achte, daß die Königinn zu sehr wider ihn eingenommensc», als daß er sie zu überzeugen hoffen könne, daß er sie alsozu bewegen suchen müsse. Und indem sie so bewegt würde,müßte die Ueberzeugung dazu kommen; die Erkennung seinerUnschuld und die Erinnerung ihres Versprechens, ihn auch dann,wenn er schuldig seyn sollte, für unschuldig gelten zu lassen,müßten sie auf einmal überraschen, aber nicht eher überraschen,als bis es nicht mehr in ihrem Vermögen stehet, gerecht underkenntlich zu scmi.
Viel glücklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stück cin-geflochten. — Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wieenglisch, wie unanständig! — Ehe meine feinern Leser zu sehrdarüber spotten, bitte ich sie, sich der Ohrfeige im Eid zu erin-nern. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire darüber gc-