348
Hamburgische Dramaturgie.
dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch nicht ganz obncBeweis zu sprechen scheine, will ich zwey Anmerkungen machen.
1. Sie lassen den Aristoteles sagen, „die Tragödie solle„lins, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fch-„lcrn der vorgestellten Leidenschaften reinigen." Der vorgestell-ten^ Also, wenn der Held durch Ncugicrdc, oder Ehrgcitz, oderLiebe, oder Zorn unglücklich wird: so ist es unsere Ncugicrdc,uuscr Ehrgcitz, uuscre Liebe, unser Zorn, welchen die Tragödierciiiigcn soll? Das ist dcm Aristotclcs nic in dcn Sinn gckom-mcn. Und so habcn dic Herren gut streiten; ihre Einbildungverwandelt Windmühlen in Riesen; sie jagen, in der gewissenHoffnung des Sieges, darauf los, und kehren sich an keinenSancho, der weiter nichts als gesunden Menschenverstand hat,und ihnen auf seinem bcdächtlichcrn Pferde hinten nach ruft,sich nicht zu übcrcilcn, und doch nur erst dic Augcn recht auf-zusperren. I'lliv -rocoi^-wi.' ^o-K'^^o-T-lli'r', sagt Aristoteles : unddas heißt nicht, der vorgestellten Leidenschaften; das hätten sieübersetzen müssen durch, dieser und dergleichen, oder, der erweck-lcn Leidenschaften. Das ?otc»vi-^v bezicht sich lediglich auf dasvorhergehende Mitleid und Fnrcht; die Tragödie soll miscr Mit-leid und unscrc Furcht erregen, blos um diese und dergleichenLeidenschaften, nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zureinigen. Er sagt aber ?o^ru)v und nicht T-oi^wv; er sagt,dieser und dergleichen, und nicht blos, dieser: um anzuzeigen,daß cr untcr dcm Mitleid, nicht blos das eigentlich sogenannteMitleid, sondern überhaupt alle philanthropische Empfindungen,so wie unter der Fnrcht nicht blos die Unlust über ein mis be-vorstehendes Uebel, sondern auch jede damit verwandte Unlust,auch dic Unlust über ein gegenwärtiges, auch die Unlust überein vergangenes Uebel, Betrübniß und Gram, verstehe. Indiesem ganzen Umfange soll das Mitleid und die Furcht, welchedic Tragödie erweckt, unser Mitleid und unsere Fnrcht reinigen;aber auch nur dicse rcinigcn, und kcine andere Leidenschaften.Zwar können sich in der Tragödie auch zur Reinigung der an-dern Leidenschaften, nützliche Lehren und Beyspiele finden; dochsnrd diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopcc undKomödie gcmcin, in so fcrn sie ein Gedicht, dic Nachahmung,