Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
350
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Hambnrgische Tramatmgic.

Unglücke, sagt er, von welchem wir unsers gleichen befallensehen, erweckt in uns die Furcht, daß uns ein ähnliches Un-glück treffen könne; diese Furcht erweckt die Begierde, ihm aus-zuweichen; und diese Begierde ein Bestreben, die Leidenschaft,durch welche die Person, die wir bctaucrn, sich ihr Unglückvor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu mäßigen, zu bessern,ja gar auszurotten? indem einem jeden die Vernunft sagt, daßman die Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wirkungvermeiden wolle." Aber dieses Raisonnemcnt, welches dieFurcht blos zum Werkzeuge macht, durch welches das Mitleiddie Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch, und kannunmöglich die Meinung des Aristoteles seyn; weil so nach dieTragödie gerade alle Leidenschaften reinigen könnte, nur nichtdie zwey, die Aristoteles ausdrücklich durch sie gercinigct wissenwill. Sie könnte unsern Aorn, unsere Ncugicrdc, unsern Neid,unsern Ehrgcitz, unsern Haß und unsere Liebe reinigen, so wiees die eine oder die andere Leidenschaft ist, durch die sich diebemitleidete Person ihr Unglück zugezogen. Nur unser Mitleidund unsere Furcht müßte sie ungcrcinigct lassen. Denn Mitleidund Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragödie wir,nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leiden-schaften, durchweiche die handelnden Personen uns rühren, nichtaber die, durch welche sie sich selbst ihre Unfälle zuziehen. Eskann ein Stück geben, in welchem sie beides sind: das weiß ichwohl. Aber noch kenne ich kein solches Stück: ein Stück nehm-lich, in welchem sich die bemitleidete Person durch ein übclvcr-standcnes Mitleid, oder durch eine übclvcrstaiidcnc Furcht insUnglück stürze. Gleichwohl würde dieses Stück das einzige seyn,in welchem, so wie es Corneille versteht, das geschehe, wasAristoteles will, daß es in allen Tragödien geschehen soll: undauch in diesem einzigen würde es nicht auf die Art geschehen,auf die es dieser verlangt. Dieses einzige Stück würde gleich-sam der Punkt seyn, in welchem zwey gegen einander sich nei-gende gerade Linien zusammentreffen, um sich in alle Unendlich-keit nicht wieder zu begegnen. So gar sehr konnte Dacicrden Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war vcrbundcn,auf die Worte seines Autors aufmerksamer zu seyn, und diese