Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
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351
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Zweyter S'and.

besagen es zu positiv, daß unser Mitleid lind unsere Furcht,durch das Mitleid und die Furcht der Tragödie, gcrcinigctwerden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, daß derNutzen der Tragödie sehr gering seyn würde, wenn er bloshierauf eingeschränkt wäre: so ließ er sich verleiten, nach derErklärung des Corneille, ibr die ebenmäßige Reinigung auchaller übrigen Leidenschaften beizulegen. Wie nun Corneille diesefür sein Theil leugnete, und in Beyspielen zeigte, daß sie mehrein schöner Gedanke, als eine Sache sey, die gewöhnlicher Weisezur Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm in diese Bey-spiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand,daß er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machenmußte, um seinen Aristoteles mit sich durch zu bringen. Ichsage, seinen Aristoteles: denn der rechte ist weit entfernt, solcherDrehungen und Wendungen zu bedürfen. Dieser, um es aber-mals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leidenschaftengedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragödie reini-gen solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; nndes ist ihm sehr gleichgültig, ob die Tragödie zur Reinigung derübrigen Leidenschaften viel oder wenig beyträgt. An jene Rei-nigung hätte sich Dacicr allein halten sollen: aber freylich hätteer sodann auch einen vollständigem Begriff damit verbindenmüssen.Wie die Tragödie, sagt er, Mitleid und Furcht er-rcge, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwerzu erklären. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglück vorAugen stellet, in das unsers gleichen durch nicht vorsetzlicheFehler gefallen sind; und sie reiniget sie, indem sie uns mitdiesem nehmlichen Unglücke bekannt macht, und uns dadurchlehret, es weder allzusehr zu fürchte», noch allzusehr davongerührt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte.Sie bereitet die Menschen, die allcrwidrigstcn Zufälle muthigzu ertragen, und macht die Allcrclcndcsten geneigt, sich fürglücklich zu halten, indem sie ihre Unglücksfälle mit weit grö-ßcrn vergleichen, die ihnen die Tragödie vorstellet. Denn inwelchen Umständen kann sich wobl ein Mensch finden, der beyErblickung eines Ocdips, eines Philoktcts, eines Orcsts, nichterkennen müßte, daß alle Uebel, die er zu erdulden, gegen

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