Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
452
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45»'.' Haml'iirgische Dramaturgie.

könnte? Auch nichts; ja noch etwas schlimmcrs, als nichts.Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht befördert: eshat ihm nicht einmal seinen natürlichen Lauf gelassen. Ueberden gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheatcr zuverschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Zch redenicht von der politischen Verfassung, sondern blos von dem sitt-lichen Charakter. Fast sollte man sagen, dieser sey: keinen eige-nen haben zu wollen. Wir sind noch immer die gcschworncnNachahmer alles Ausländischen, besonders noch immer die un-tcrthänigcn Bewunderer der nie genug bewunderten Franzo-sen; alles was uns von jenseit dem Rhcinc kömmt, ist schön,reihend, allerliebst, göttlich; lieber verleugnen wir Gesicht undGehör, als daß wir es anders finden sollten; lieber wollen wirPlumpheit für Ungezwungenheit, Frechheit für Grazie, Grimassefür Ausdruck, ein Gcklinglc von Reimen für Poesie, Gchculcfür Musik, uns einreden lassen, als im geringsten an der Supe-rioritat zweifeln, welche dieses liebenswürdige Volk, dieses ersteVolk in der Welt, wie es sich selbst sehr bescheiden zu nennenpflegt, in allem, was gut und schön und erhaben und anstän-dig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Antheile erhal-ten hat.

Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und dienähere Anwendung desselben könnte leicht so bitter werden, daßich lieber davon abbreche.

Ich war also genöthigct, anstatt der Schritte, welche dieKunst des dramatischen Dichters hier wirklich könnte gethan ha-ben, mich bey denen zu verweilen, die sie vorläufig thun müßte,um sodann mit eins ihre Bahn mit desto schnellern und größcrnzu durchlaufen. Es waren die Schritte, welche ein Irrenderzurückgehen muß, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen,und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen.

Seines Fleißes darf sich jedermann rühmen: ich glaube, diedramatische Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zuhaben, als zwanzig, die sie ausüben. Auch habe ich sie soweit ausgeübet, als es nöthig ist, um mitsprechen zu dürfen:denn ich weiß wohl, so wie der Mahler sich von niemandengern tadeln läßt, der den Pinsel ganz und gar nicht zu führen