Druckschrift 
5 (1839)
Entstehung
Seite
70
Einzelbild herunterladen
 

70

Vorrede zu Jacob Thomsons Trauerspielen.

der Dichter, der diesen Namen verdient, dort ein stilles Thal,und hier die ruhige Sanftmuth; dort eine nach Regen lächzcndcSaat, und hier die wartende Hoffnung; dort die auf reinerWasserfläche jetzt sich spiegelnde, ictzt durch neidische Wolken ver-dunkelte Sonne, und hier die sympathetische Liebe und den miß-günstigen Haß; dort die Schatten der Mitternacht, und hierdie zitternde Furcht; dort die schwindelnde Höhe über schrecklicheMccrstrudcl hcrhangcnder Felsen, und hier die blinde sich herab-stürzende Verzweiflung, allemal gleich wahr und gleich glücklichschildern.

Dieses Vorurthcil hatte ich für den tragischen Thomson,noch ehe ich ihn kannte. Jetzt aber ist es kein bloßes Vorur-theil mehr; sondern ich rede nach Empfindung, wenn ich ihn,auch in dieser Sphäre, für einen von den größten Geisternhalte. Denn wodurch sonst sind diese, was sie sind, als durchdie Kenntniß des menschlichen Herzens, und durch die magischeKunst, jede Leidenschaft vor unsern Augen entstehen, wachsenund ausbrechcn zu lassen? Dieses ist die Kunst, dieses ist dieKenntniß, die Thomson in möglichster Vollkommenheit besitzt,uiid die kein Aristoteles, kein Corneille lehrt, ob sie gleich demCorneille selbst nicht fehlte. Alle ihre übrigen Regeln können,aufs höchste, nichts als ein schulmäßiges Gewäsche hervorbrin-gen. Die Handlung ist heroisch, sie ist einfach, sie ist ganz,sie streitet weder mit der Einheit der Zeit, noch mit der Ein-heit des Orts; jede der Personen hat ihren besondern Charakter;jede spricht ihrem besondern Charakter gemäß; es mangelt wederan der Nützlichkeit der Moral, noch an dem Wohlklange desAusdrucks. Aber du, der du diese Wunder geleistet, darfst dudich nunmehr rühmen ein Trauerspiel gemacht zu haben? Za;aber nicht anders, als sich der, der eine menschliche Bildsculcgemacht hat, rühmen kann, einen Menschen gemacht zu haben.Seine Bildscule ist ein Mensch, nnd es fehlt ihr nur eine Klei-nigkeit; die Seele.

Ich will bey diesem Gleichnisse bleiben, um meine wahreMeinung von den Regeln zu erklären. So wie ich unendlichlieber den allcrungestaltcstcn Menschen, mit krummen Beinen,mit Buckeln hinten und vorne, erschaffen, als die schönste Bild-