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Vorrede zu Richardsons Sittciilehrc,
zu haben glaubten, weil sie einen andern hatten, als das zu-friedne Publicum. Ein gewisser S. Lroxal, um seinen eignenGcburthcn Platz zu schaffen, bekam den liebreichen Einfall, dieFabeln des Aestrange, weil er sie nicht so grade zu für elendausgeben wollte, als gefährlich zu vcrscbrcycn. Ihr Verfasser,versicherte er, habe sich nicht als ein rechtschaffener Britte, son-dern als ein Feind der Freyheit, und ein gcdungncr Sachwal-ter des Pabstthums und der uneingeschränkten Gewalt in diesemWerke erwiesen, welches doch für eine frcygcbohrne Jugend ge-schrieben seyn sollte.
Diesem Vorwürfe nun, ob er gleich der gcgründcste nichtist, sind wir die gegenwärtige Arbeit des Herrn RicharOsonsschuldig. Er wollte ihm, mit der gewissenhaftesten Genauigkeit,abhelfen, und daher theils diejenigen Fabeln, welchen L.estrKnge,nicht ohne Gewaltsamkeit, eine politische Deutung gegeben, aufallgemeinere Lehren wieder zurück bringen, theils diejenigen,welche keine andere, als politische Anwendung litten, mit allermöglichen Lauterkeit der Absicht bearbeiten.
So weit gicng des Herrn Richardsons erstes Vorhaben.Bey der Ausführung aber fand er, daß es nicht undicnlich sey,sich weitere Grenzen zu setzen. Er ließ einen guten Theil weg,alles nehmlich was mehr ein lächerliches Mährchcn, als einelehrreiche Fabel war; er gab vielen, auch von den nicht politi-schen, einen bessern Sinn; er verkürzte; er änderte; er setztehinzu; kurz, aus der Adoption, ward eine eigne Geburt.
Und hiervon wird sich auch ein deutscher Leser überzeugenkönnen, wenn er sich erinnern will, daß ein großer Theil derFabeln des Aeskrange, bereits vor vielen Jahren, in unsreSprache übersetzt worden. Man stelle die Verglcichung an, undsie wird gewiß zum Vortheile der gegenwärtigen ausfallen.
Wer wird sich auch einkommen lassen, etwas für mittelmäßigzu halten, wobey der unsterbliche Verfasser der Pamela, derLlarissa, des Granoisons die Hand angelegt? Denn wer kannes besser wissen, was zur Bildung der Herzen, zur Einflössungder Menschenliebe, zur Beförderung jeder Tugend, das zuträg-lichste ist, als er? Oder wer kann es besser wissen, als er, wieviel die Wahrheit über menschliche Gemüther vermag, wenn sie