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5 (1839)
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361
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I. Von dem Wesen der Fabel.

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klingen prüfen, welche meine Vorgänger von der Fabel gege-ben haben.

De la Motte-

Dieser Mann, welcher nicht so wohl ein grosses poetischesGenie, als ein guter, aufgeklärter Kopf war, der sich an man-cherley wagen, und überall erträglich zu bleiben hoffen durfte, er-klärt die Fabel durch eine unter die Allegone einer Handlungversteckte K.ehre°.

Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bey den Gabierninmmchr fest gesetzt hatte, schickte er heimlich einen Bothen anseinen Vater, und ließ ihn fragen, was er weiter thun solle?Der König, als der Boche zu ihm kam, befand sich eben aufdem Felde, hub seinen Stab auf, schlug den höchsten Mahn-stängeln die Häupter ab, und sprach zu dem Bothen: Geh, underzehle meinem Sohne, was ich itzt gethan habe! Der Sohnverstand den stummen Befehl des Vaters, und ließ die Vor-nehmsten der Gabier hinrichten Hier ist eine allegorischeHandlung; hier ist eine unter die Allegorie dieser Handlung vcr.steckte Lehre: aber ist hier eine Fabel? Kann man sagen, daßiLarquimos seine Meinung dem Sohne durch eine Fabel habewissen lassen? Gewiß nicht! .

Jener Vater, der seinen uneinigen Söhnen die Vortheileder Eintracht an einem Bündel Ruthen zeigte, das sich nichtanders als stückweise zerbrechen lasse, machte der eine Fabel"**?

Aber wenn eben derselbe Vater seinen uneinigen Söhnenerzählt hätte, wie glücklich drey Stiere, so lange sie einig wa-ren, den Löwen von sich abhielten, und wie bald sie des LöwenRaub wurden, als Zwietracht unter sie kam, und jeder sichseine eigene Weide suchte-j-: alsdcnn hätte doch der Vater seinenSöhnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die Sache ist klar.

Folglich ist es eben so klar, daß die Fabel nicht bloß eineallegorische Handlung, sondern die iLrzehlung einer solchen

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