I. Von dem Wesen der Fabel. 376
macht haben, welche die Probe halten. — „Zwey Hähne käm-„pfcn mit einander. Der Besiegte verkriecht sich. Der Sieger„fliegt auf das Dach, schlägt stolz mit den Flügeln und krä-„hct. Plötzlich schießt ein Adler auf den Sieger herab, und„zerfleischt ihn"." — Ich habe das allezeit für eine sehr glück-liche Fabel gehalten; und doch fehlt ihr, nach dem Vatteux,die Handlung. Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mitWahl und Absicht geschähe? — „Der Hirsch betrachtet sich in,, einer spiegelnden Quelle; er schämt sich seiner dürren Läuftc,„und freuet sich seines stolzen Geweihes. Aber nicht lange!„Hinter ihm ertönet die Zagd; seine dürren Läuftc bringen ihn„glücklich ins Gehölze; da verstrickt ihn sein stolzes Geweih;„er wird erreicht"*." — Auch hier sehe ich keine Unternehmung,keine Absicht. Die Zagd ist zwar eine Unternehmung, und derfliehende Hirsch hat die Absicht sich zu retten; aber beyde Um-stände gehören eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohneNachtheil derselben, weglassen und verändern kann. Und den-noch fehlt es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegtin dem falsch befundenen Urtheile des Hirsches. Der Hirschurtheilet falsch; und lernet gleich darauf aus der Erfahrung,daß er falsch geurtheilct habe. Hier ist also eine Folge vonVeränderungen, die einen einzigen anschauenden Begriff in mirerwecken. — Und das ist meine obige Erklärung der Handlung,von der ich glaube, daß sie auf alle gute Fabeln passen wird.
Giebt es aber doch wohl Kunstrichtcr, welche einen noch en-gern, und zwar so materiellen Begriff mit dem Worte -Hand-lung verbinden, daß sie nirgends Handlung sehen, als wo dieKörper so thätig sind, daß sie eine gewisse Veränderung desRaumes erfordern. Sie finden in keinem Trauerspiele Handlung,als wo der Liebhaber zu Füssen fällt, die Prinzessin ohnmächtigwird, die Helden sich palgcn; und in keiner Fabel, als wo derFuchs springt, der Wolf zerreisset, und der Frosch die Maus sichan das Bein bindet. Es hat ihnen nie bcyfallcn wollen, daß auchjeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von verschie-denen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung
° ^esoi>. !>-»>). I-tZ.°° ?ali> ä,el»i>. t8l.