I. Von dem Wescn der Fabel.
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oder weniger enthielte, als den Lehrsatz anschaltend zu machennöthig ist. Zöatreux bemerkt alle ihre kleinen Schönheiten desAusdrucks, und stellet sie von dieser Seite in ein sehr vortheil-haftcs Licht; nur ihre wesentliche Vortrcfflichkeit läßt er uncrör-tcrt, und verleitet seine Leser sogar, sie zu verkennen. Er sagtnehmlich, die Moral die aus dieser Fabel fließe, sey: quo I<zplus loilils ekt touvvnt c>j)pr!m«5 par I«z plus kort. Wie seicht!Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren sollte, sohätte wahrlich der Dichter die tiet« cauku: des Wolfs sehr ver-gebens, sehr für die lange Weile erfunden; seine Fabel sagtemehr, als er damit hätte sagen wollen, und wäre, mit einemWorte, schlecht.
Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man un-tersuche es nur selbst, und man wird durchgängig finden, daß esbloß von der Beschaffenheit des Lehrsatzes abhängt, ob die Fabeleine solche Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodcrt,haben muß oder entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt crwchn-ten Fabel des Phödrus, machte sie, wie wir gesehen, nothwen-dig; aber thun es deswegen alle Lehrsätze? Sind alle Lehrsätzevon dieser Art? Oder haben allein die, welche es sind, dasRecht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist z. E. derErfahrungssatz:
I^Äuclg,tis utiliora yuzo eontomterls
8i»po invoniri
nicht werth, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einerDemonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenner es ist, was für ein Unternehmen, was für eine Absicht, wasfür eine Wahl liegt darin», welche der Dichter auch in derFabel auszudrücken gehalten wäre?
So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmit-telbar eine Pflicht, etwas zu thun oder zu lassen, folget; sothut der Dichter besser, wenn er die Pflicht, als wenn er denblossen Erfahrungssatz in seiner Fabel ausdrückt. — „Groß„seyn, ist nicht immer ein Glück" — Diesen Erfahrungssatzin eine schöne Fabel zu bringen, möchte kaum möglich seyn.Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der größtenFische habhaft bleibet, indem die kleinern glücklich durch das