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5 (1839)
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Abhandlungen über die Fabel.

spricht? Man bringe diese Geschichte in Gedanken auf die komi-sche Bühne, und man wird sogleich sehen, daß sie durch einensinnreichen Einfall abgeschnitten, aber nicht geendigt ist. DerZuschauer ist nicht zufrieden, wenn er voraus siehet, daß dieStreitigkeit hinter der Scene wieder von vorne angehen muß.Ein armer geplagter Greis ward unwillig, warf seine Lastvon dem Nucken, und rief den Tod. Der Tod erscheinet.Der Greis erschrickt und fühlt betroffen, daß elend leben dochbesser als gar nicht leben ist. Nun, was soll ich? fragt derTod. Ach, lieber Tod, mir meine Last wieder aufhelfen".Der Fabulist ist glücklich, und zu unserm Vergnügen an seinemZiele. Aber auch die Geschichte? Wie ging es dem Greise?Ließ ihn der Tod leben, oder nahm er ihn mit? Um alle solcheFragen bekümmert sich der Fabulist nicht; der dramatische Dich-ter aber muß ihnen vorbauen.

Und so wird man hundert Beyspiele finden, daß wir unszu einer Handlung für die Fabel mit weit wenigcrm begnü-gen, als zu einer Handlung für das Heldengedichte oder dasDrama. Will man daher eine allgemeine Erklärung vonder -Handlung geben, so kann man unmöglich die Erklärungdes Natteux dafür brauchen, sondern muß sie nothwendig soweitläuftig machen, als ich es oben gethan habe. Aberder Sprachgebrauch? wird man cinwcrffcn. Ich gestehe es;dem Sprachgcbrauchc nach, heißt gemeiniglich das eine Hand-lung, was einem gewissen Vorsatze zu Folge unternommenwird; dem Sprachgebrauche nach, muß dieser Vorsatz ganz er-reicht seyn, wenn man soll sagen können, daß die Handlung zuEnde sey. Allein was folgt hieraus? Dieses: wem derSprachgebrauch so gar heilig ist, daß er ihn auf keine Weisezu verletzen wagt, der enthalte sich des Wortes Handlung, in-sofern es eine Wesentliche Eigenschaft der Fabel ausdrücken soll,ganz und gar.

Und, alles wohl überlegt, dem Rathe werde ich selbst fol-gen. Ich will nicht sagen, die moralische Lehre werde in derFabel durch eine Handlung ausgedrückt; sondern ich will lieber

° ?-»>>, ^esop. so.