I. Von dem Wesen der Fabel.
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Fabel abzusprechen. Nur über die Ursache, warum er ihr ab-zusprechen sey, werden sich vielleicht die meisten bedenken, unduns doch endlich eine falsche angeben. Es ist nichts als eineNaturgeschichte: würde man vielleicht mit dem Verfasser derLritischcn Briefe" sagen. Aber gleichwohl, würde ich miteben diesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber nichtaus blossem Instinkt, er handelt aus freyer Wahl und nachreifer Uebcrlcgung; denn er weis es, warum er verfolgt wird^ti'uio'x(t>v x^?^ <5lk>>cs?oi<,). Diese Erhebung des In-stinkts zur Vernunft, wenn ich ihm glauben soll, macht es jaeben, daß eine Bcgcgniß aus dem Reiche der Thiere zu einerFabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich sage:sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet.Die Wirklichkeit kömmt nur dem Einzeln, dem Zndividuo zu;und es läßt sich keine Wirklichkeit ohne die Individualität ge-denken. Was also hier von dem ganzen Geschlechte der Bibergesagt wird, halte müssen nur von einem einzigen Biber gesagtwerden; und alsdcnn wäre es eine Fabel geworden. — Einander Exempel: „Die Assen, sagt man, bringen zwey Zunge„zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit al-„ler möglichen Sorgfalt Pflegen, das andere hingegen hassen„und versäumen. Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht„es, daß die Mutter das Geliebte unter häufigen Liebkosungen„erdrückt, indem das Verachtete glücklich aufwachset"*." Auchdieses ist aus eben der Ursache, weil das, was nur von einemZndividuo gesagt werden sollte, von einer ganzen Art gesagtwird, keine Fabel. Als daher L.cstrange eine Fabel darausmachen wollte, mußte er ihm diese Allgemeinheit nehmen, unddie Individualität dafür ertheilen""". „Eine Acffin, erzchlt er,„hatte zwey Zunge; in das eine war sie närrisch verliebt, an„dem andern aber war ihr sehr wenig gelegen. Einsmals„überfiel sie ein plötzlicher Schrecken. Geschwind rast sie ihren„Liebling auf, nimmt ihn in die Arme, eilt davon, stürzt aber,„und schlägt mit ihm gegen einen Stein, daß ihm das Gehirn
« Critischc Briefe. Zürich 1746. S. 168." ?sb. ä,elol>. 268.
°°° In seinen Fabeln, so wie sie Nichareson adoptirt hat, die 187tc.