388
Abhandlungen über die Fabel-
so sollte ich meinen, wäre es wohl klar, daß den Fabeln, über-haupt zu reden, in Ansehung der Ucbcrzcugungskraft, der Vor-zug vor den historischen Exempeln gebühre zc.
Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesender Fabel genugsam vorbereitet zu haben. Ich fasse daher alleszusammen und sage: Wenn rvir einen allgemeinen morali-schen Saiz auf einen besondern Fall zurückführen, diesembesondern Lalle die Wirklichkeit ertheilen, und eine Ge-schichte daraus dichten, in rvelcher man den allgemeinen Salzanschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel.
Das ist meine Erklärung, und ich hoffe, daß man sie beyder Anwendung eben so richtig- als fruchtbar finden wird.
II.
Von dem Gebrauche der Thiere in der Fabel.
Der größte Theil der Fabeln hat Thiere, und wohl nochgeringere Geschöpfe, zu handelnden Personen. — Was ist hier-von zu halten? Ist es eine wesentliche Eigenschaft der Fabel,daß die Thiere darinn zu moralischen Wesen erhoben werden?Ist es ein Handgriff, der dem Dichter die Erreichung seinerAbsicht verkürzt und erleichtert? Ist es ein Gebrauch, der eigent-lich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man aber, zu Ehren desersten Erfinders, beybchält, weil er wenigstens schnackisch ist —nuoä ritum movc-t? Oder was ist es?
Naltcux hat diese Fragen entweder gar nicht vorausgesehen,oder er war listig genug, daß er ihnen damit, zu entkommenglaubte, wenn er den Gebrauch der Thiere seiner Erklärung so-gleich mit anflickte. Die Fabel, sagt er, ist die Erzchlung ei-ner allegorischen Handlung, die gemeiniglich den Thieren bei-gelegt u?ird. — Vollkommen 5 I-t I^'-m«.-«'»,«! Oder, wie derHahn über die Kohlen! — Warum, möchten wir gerne wissen,warum wird sie gemeiniglich den Thieren beygelegt? O, wasein langsamer Deutscher nicht alles fragt!
Ucbcrhaupt ist unter allen Kunstrichtcrn Zdreitinger der ein-zige, der diesen Punkt berührt hat. Er verdient es also mnso viel mehr, daß wir ihn hören. „Weil Acsopus, sagt er,„die Fabel zum Unterrichte des gemeinen bürgerlichen Lebens