II. Nou dem Gebrauche der Thiere in der Fabel.
389
„angewendet, so waren seine Lehren meistens ganz bekannte„Sätze und Lcbcnsrcgcln, lind also mußte er auch zu den al-legorischen Vorstellungen derselben ganz gewohnte Handlungen„und Beyspiele aus dem gemeinen Leben der Menschen entleh-nen: Da nun aber die täglichen Geschäfte und Handlungen„der Menschen nichts ungcmcincs oder merkwürdig reißendes an„sich haben, so mußte man nothwendig auf ein neues Mittel bc-„ dacht seyn, auch der allegorischen Erzchlung eine anzügliche Kraft„und ein reißendes Ansehen mitzutheilen, um ihr also dadurch„einen sichern Eingang in das menschliche Herz aufzuschlicsscn.„Nachdem man nun wahrgenommen, daß allein das Seltene,„Neue und Wunderbare, eine solche erweckende und angenehm„entzückende Kraft auf das menschliche Gemüth mit sich führet,„so war man bedacht, die Erzchlung durch die Neuheit und„Seltsamkeit dcr Vorstellungen wunderbar zu machen, und also„dem Körper dcr Fabel eine ungcmcinc und reihende Schönheit„beyzulegen. Die Erzchlung bcstchct aus zwccn wcscntlichcn„Hauptumständcn, dem Umstände dcr Pcrson, und dcr Sache„odcr Handlung; ohne diese kann kcinc Erzchlung Platz habcn.„Also muß das Wunderbare, welches in der Erzchlung hcrrschcn„soll, sich cntwcdcr auf dic Handlung sclbst, odcr auf die Per-sonen, denen selbige zugeschrieben wird, bczichcn. Das Wun-derbare, das in den täglichen Geschäften und Handlungen dcr„Mcnschcn vorkömmt, bcstchct vornchmlich in dcm Unvcrmuihc-„tcn, sowohl in Absicht auf dic Ncrmcsscnhcit im Unterfangen,„als dic Boßhcit odcr Thorheit im Ausführen, zuweilen auch„in einem ganz unerwarteten Ausgangc einer Sache: Weil aber„dergleichen wundcrbarc Handlungen in dem gemeinen Leben„der Menschen etwas ungewohntes und seltenes sind; da hin-gegen die meisten gewöhnlichen Handlungen gar nichts ungc-„mcincs oder merkwürdiges an sich habcn; so sah man sich gc-„müssigct, damit die Erzchlung als der Körper der Fabel, nicht„verächtlich würde, derselben durch dic Veränderung und Ver-handlung dcr Personen, einen angenehmen Schein des Wun-derbaren mitzutheilen. Da nun dic Mcnschcn, bcy aller ihrer„Verschiedenheit, dennoch überhaupt betrachtet in einer wcscntli-„chcn Gleichheit und Verwandtschaft stehen, so besann man sich,