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Abhandlungen iibcr die Fabel.
„Wesen von einer hohem Natur, die man wirklich zu seyn„glaubte, als Götter und Genios, oder solche die man durch„die Freyheit der Dichter zu Wesen erschuf, als die Tugenden,„die Kräfte der Seele, das Glück, die Gelegenheit zc. in die„Erzchlung einzuführen; vornehmlich aber nahm man sich die„Freyheit heraus, die Thiere, die Pflanzen, und noch geringere„Wesen, nehmlich die leblosen Geschöpfe, zu der höher» Natur„der vernünftigen Wesen zu erheben, indem man ihnen mensch-liche Vernunft und Rede mittheilte, damit sie also fähig wür-„dcn, nns ihren Zustand und ihre Begegnisse in einer uns ver-nehmlichen Sprache zu erklären, und durch ihr Exempel von„ähnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben zc." —
Dreiringer also behauptet, daß die Erreichung des Wunder-baren die Ursache sey, warum man in der Fabel die Thiere,und andere niedrigere Geschöpfe, reden und vernunftmässig han-deln lasse. Und eben weil er dieses für die Ursache hält, glaubter, daß die Fabel überhaupt, in ihrem Wesen und Ursprüngebetrachtet, nichts anders als ein lehrreiches Wunderbare sey.Diese seine zrveyre Erklärung ist es, welche ich hier, versproch-ncrmaasscn, untersuchen muß.
Es wird aber bey dieser Untersuchung vornehmlich daraufankommen, ob die Einführung der Thiere in der Fabel wirklichwunderbar ist. Zst sie es, so hat Vrcitinger viel gewonnen;ist sie es aber nicht, so liegt auch sein ganzes Fabclsystcm, miteinmal, über dem Haussen.
Wunderbar soll diese Einführung seyn? Das Wunderbare,sagt eben dieser Kunstrichter, legt den Schein der Wahrheit undMöglichkeit ab. Diese anscheinende Unmöglichkeit also gehöretzu dem Wesen des Wunderbaren; und wie soll ich nunmehrjenen Gebrauch der Alten, den sie selbst schon zu einer Regelgemacht hatten, damit vergleichen? Die Alten nehmlich fingenihre Fabeln am liebsten mit dem -»«o--., und dem darauf folgen-den Klagcfalle an. Die griechischen Rhctorcs nennen dieseskurz, die Fabel in dem Klagcfalle O-z»? «^ioc7-tx«i?) vortra-gen; und Tbeon, wenn er in seinen Vorübungen* hierauf
° Nach der Alisgabe des Tamerarnis S. 28.