II. Von dem Gebrauche der Thiere in der Fabel.
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Begriff für die Fabel. An was für eine Art von Menschensoll ich dabey denken? Es giebt deren so viele! Aber „einFuchs!" Der Fabulist weis nur von Einem Fuchse, und so-bald er mir das Wort nennt, fallen auch meine Gedanken so-gleich nur auf Einen Charakter. Anstatt des Menschen über-haupt hatte -Hermann Axel also wenigstens einen Gasconicrsetzen müssen. Und alsdcnn würde er wohl gefunden haben,daß die Fabel durch die blosse Wcglassung des Thieres, so vieleben nicht verlöre, besonders wenn er in dem nehmlichen Ver-hältnisse auch die übrigen Umstände geändert, und den Gasco-nier nach etwas mehr, als nach Birnen, lüstern gemacht hätte.
Da also die allgemein bekannten und unveränderlichen Cha-raktere der Thiere die eigentliche Ursache sind, warum sie derFabulist zu moralischen Wesen erhebt, so kömmt mir es sehrsonderbar vor, wenn man es Einem zum besondern Ruhmemachen will, „daß der Schwan in seinen Fabeln nicht singe,„noch der Pclican sein Blut für seine Zungen vcrgicssc". —Als ob man in den Fabclbüchcrn die Naturgeschichte studierensollte! Wenn dergleichen Eigenschaften allgemein bekannt sind,so sind sie werth gebraucht zu werden, der Naturalist mag siebekräftigen oder nicht. Und derjenige der sie uns, es sey durchseine Exempel oder durch seine Lehre, aus den Händen spielenwill, der nenne uns erst andere Zndividua, von denen es be-kannt ist, daß ihnen die nehmlichen Eigenschaften in der Thatzukommen.
Ze tiefer wir auf der Leiter der Wesen hcrabstcigcn, destoseltner kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charakterevor. Dieses ist denn auch die Ursache, warum sich der Fabu-list so selten in dem Pflanzenreiche, noch seltener in dem Stein-reiche und am allcrscltcnstcn vielleicht unter den Werken derKunst finden läßt. Denn daß es deswegen geschehen sollte,weil es stuffcnwcisc immer unwahrscheinlicher werde, daß diesegeringern Werke der Natur und Kunst empfinden, denken undsprechen könnten; will mir nicht ein. Die Fabel von dem eher-nen und dem irdenen Topfe ist nicht um ein Haar schlechteroder unwahrscheinlicher als die beste Fabel, z. E. von einem
* Man sehe die crit!schc Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.