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5 (1839)
Entstehung
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396
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Abhandlungen über die Fabel.

Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und sounendlich weil jene von ihm abstehen.

Indem ich aber die Charaktere der Thiere zur eigentlichenUrsache ihres vorzüglichen Gebrauchs in der Fabel mache, willich nicht sagen, daß die Thiere dem Fabulistcn sonst zu weitergar nichts nützten. Ich weis es sehr wohl, daß sie unter an-dern in der zusammen gcseyten Fabel das Vergnügen derVcrglcichung um ein grosses vermehren, welches alsdcnn kaummerklich ist, wenn sowohl der wahre als der erdichtete einzelneFall beyde aus handelnden Personen von einerley Art, ausMenschen, bestehen. Da aber dieser Nutzen, wie gesagt, nurin der zusammen gesetzten Fabel Statt findet, so kann er dieUrsache nicht seyn, warum die Thiere auch in der einfachenFabel, und also in der Fabel überhaupt, dem Dichter sich ge-meiniglich mehr empfehlen, als die Menschen.

Ja, ich will es wagen, den Thieren, und andern geringernGeschöpfen in der Fabel noch einen Nutzen zuzuschreiben, aufwelchen ich vielleicht durch Schlüsse nie gekommen wäre, wennmich nicht mein Gefühl darauf gebracht hätte. Die Fabel hatunsere klare und lebendige Erkenntniß eines moralischen Satzeszur Absicht. Nichts verdunkelt unsere Erkenntniß mehr als dieLeidenschaften. Folglich muß der Fabulist die Erregung derLeidenschaften so viel als möglich vermeiden. Wie kann eraber anders, z. E. die Erregung des Mitleids vermeiden, alswenn er die Gegenstände desselben unvollkommener macht, undanstatt der Menschen Thiere, oder noch geringere Geschöpfe an-nimmt. Man erinnere sich noch einmal der Fabel von demIVolfe unO F.amme, wie sie oben in die Fabel von dem Prie-ster und dem armen Manne Ses Propheten verwandelt wor-den. Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber diesesMitleiden ist so schwach, daß es nnscrcr anschauenden Erkennt-niß des moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag thut.Hingegen wie ist es mit dem armen Manne? Kömmt es mirnur so vor, oder ist es wirklich wahr, daß wir mit diesem vielzu viel Mitleiden haben, und gegen den Priester viel zu vielUnwillen empfinden, als daß die anschauende Erkenntniß desmoralischen Satzes hier eben so klar seyn könnte, als sie dort ist?